Aus UroForum Heft 7/20

Zunächst ist die Vermittlung schlechter Nachrichten kommunikativ schwierig, emotional belastend und sie bedarf im Idealfall einer gezielten Schulung der kommunikativen Fähigkeiten. Kommunikative Kompetenzen sind kein Zufall, sie lassen sich ebenso aneignen und verbessern wie andere medizinisch-fachliche Kompetenzen. Im Medizinstudium ist diese Erkenntnis mittlerweile angekommen. Wie ist es bei Ihnen?

Was erwarten Patienten von ihren Behandlern? – oder besser gefragt: Was macht einen guten Arzt aus? Die Antwort lautet: Ärzte müssen, zumindest kommunikativ, die Quadratur des Kreises schaffen. Denn die Anforderungen an sie sind äußerst vielfältig: Patienten wollen sich mitteilen, Probleme schildern und daraufhin mit der Expertise ihres Arztes eine Lösung erarbeiten. Dabei wollen Patienten verstanden werden und sich gut aufgehoben fühlen, sie erwarten die ungeteilte Aufmerksamkeit ihres Arztes und hoffen darauf, ihm vertrauen zu können. Ärzte müssen zuhören (möglichst aktiv), ihre Patienten ernst nehmen und sie möglichst gut informieren, ohne dabei mit unverständlichen Fachbegriffen um sich zu werfen.

Patienten brauchen ihre Ärzte als Helfer in der Not

Insbesondere dann, wenn schlechte Nachrichten transportiert werden, müssen Ärzte einfühlsam sein und mit (z. T. schwierigen) Emotionen umgehen können. Kurzum: Patienten brauchen ihre Ärzte als Helfer in der Not. Vielfältige kommunikative Kompetenzen sind dabei gefragt und oft stehen Ärzte selbst rat- und hilflos vor solchen Gesprächen.

Selbst erfahrene Ärzte stoßen an Grenzen ihrer Möglichkeiten

Nicht selten kommt es zu Gesprächsverläufen, bei denen selbst der erfahrenste Arzt an seine Grenzen stößt. Allen voran ist die Vermittlung schlechter Nachrichten eine besonders schwierige Situation. Reaktionen darauf spielen sich im Bereich des Unbekannten ab, denn weder Arzt noch Patient können voraussagen, wie auf eine solche Nachricht reagiert wird. Dennoch gehört die Überbringung schlechter Nachrichten zum Berufsalltag und zu den Pflichten eines Arztes. Der fachwissenschaftliche Schutzwall, hinter dem sich Ärzte gerne verstecken, endet hier.Wenn Ärzte schlechte Nachrichten überbringen müssen, spielt medizinisches Fachwissen keine Rolle mehr. Hier hilft auch keine Flucht ins Unverbindliche. Mit welchen Strategien können Ärzte diesen Gesprächen begegnen? Neben dem richtigen Rahmen (Zeit und Ort) ist es wichtig, Botschaften klar und unmissverständlich zu transportieren. Der Arzt muss sicherstellen, dass der Patient das Gesagte richtig verstanden hat. Die Botschaft muss auf den Punkt gebracht werden. Und: Gehen Sie nie unvorbereitet in ein solches Gespräch. Auch wenn es schwer fällt, ist es zwingend notwendig, die Wahrheit zu sagen. Es sollte nichts gesagt werden, was unklar, nicht angemessen oder möglicherweise falsch ist.

Spikes-Protokoll zur Kommunikation schlechter Nachrichten

Bei der Übermittlung schlechter Nachrichten hat sich eine kommunikative Strategie in der Praxis als besonders gut geeignet erwiesen: das sogenannte Spikes-Protokoll. Bei dem Spikes-Protokoll [1] handelt es sich um ein Kommunikationsmodell, dessen Kernfunktion darin besteht, die schlechte Botschaft sinnvoll zu strukturieren. Der Name leitet sich aus den sechs Stufen ab, die das Modell gewissermaßen als Ordnungs- und Strukturphasen durchläuft: Setting, Perception, Invitation, Knowledge, Explore, Strategy. Diese Schritte sollen helfen, das Gespräch vorzubereiten.

Setting

Im ersten Schritt werden der kommunikative sowie der zeitliche Rahmen des Gesprächs festgelegt (Setting). Welche Bezugspersonen des Betroffenen sollen dabei sein? Welche Informationen sind notwendig? Zudem muss für den zeitlichen Rahmen sichergestellt werden, dass das Gespräch ohne Unterbrechungen verläuft.

Perception

Im nächsten Schritt wird zunächst das Vorwissen des Patienten erfragt (Perception). Handelt es sich bei der Nachricht beispielsweise um eine schwerwiegende Diagnose, müssen Sie in Erfahrung bringen, was Ihr Patient bereits weiß und wie er selbst die Situation einschätzt. Das Vorwissen zu erfragen hilft Ihnen dabei, das subjektive Krankheitsempfinden Ihres Patienten zu erkennen. Sollte es von der objektiven Realität abweichen, müssen Sie besonders sensibel agieren und dieses Ungleichgewicht ausbalancieren.

Invitation

Im dritten Schritt des Protokolls muss die Bereitschaft zur Aufnahme der Botschaft geklärt werden (Invitation). Dabei entscheidet der Patient selbst, wie detailliert er über die Diagnose und ihre Folgen aufgeklärt werden möchte. Möchte ein Patient keine weiteren Details, sollte die Besprechung vertagt werden.

Knowledge

Erst der vierte Schritt ist die Überbringung der schlechten Nachricht (Knowledge). Die Botschaft wird möglichst verständlich in kurzen Sätzen vermittelt. Anschließend muss das Verständnis erfragt werden. Hier gilt: Halten Sie auch ein paar Minuten Schweigen aus [2]. Patienten müssen die Botschaften erst kognitiv verarbeiten.

Explore

Das gilt auch für den nächste Schritt des Protokolls. Er fokussiert sich auf die Emotionen des Patienten (Explore). An dieser Stelle sind aktives Zuhören sowie das Spiegeln von Patientenaussagen besonders wichtig. Gefühle sollten erkannt, benannt und zugelassen werden. Signalisieren Sie Ihre Unterstützung und Ihr Verständnis verbal und nonverbal.

Strategy

Der sechste und letzte Schritt des Protokolls sieht eine erfolgreiche Beendigung des Gesprächs vor. Je nach Befinden des Patienten ist diese Phase mehr oder weniger fruchtbar, denn hier sollten auch Hinweise zum weiteren Vorgehen besprochen werden (Strategy). Dies kann gelingen, jedoch empfiehlt es sich in vielen Fällen, das Gespräch über die nächsten Schritte auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Bei Patienten, die emotional gefasst wirken, kann eine weitere Besprechung auch jetzt schon möglich sein. Aber Vorsicht: Sie sollten sicherstellen, dass die Gefasstheit des Patienten kein Ausdruck von Überforderung ist.

Literatur:

1. Bechmann, Sascha (2014). Medizinische Kommunikation: Grundlagen der ärztlichen Gesprächsführung. Tübingen: A. Francke Verlag.

2. Spiegel online (Mai 2019). Schlechte Nachrichten überbringen: „Ärzte müssen Stille ertragen können“: https://www.spiegel.de/gesundheit/ diagnose/schlechte-nachrichten-ueberbringen-aerzte-muessen-stille-ertragen-koennen-a-1262645.html.

Dr. phil. Sascha Bechmann

Autor

Dr. phil. Sascha Bechmann

Experte für med. Kommunikation
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Beitragskommentare