Peter Schneede

Als 2019 die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Impfmüdigkeit als eine der zehn bedeutendsten Bedrohungen globaler, menschlicher Gesundheit anprangerte [9] und Anfang 2020 in Deutschland das Masernschutzgesetz (in Kraft getreten am 01.03.2020) unter anderem eine Verbesserung der Impfprävention über alle Facharztgrenzen hinweg forderte [6], konnte noch niemand ahnen, dass im selben Jahr die COVID-19-Pandemie [5, 7] Impfmedizin zum weltweit beherrschenden Dauerthema der Menschheit machen würde. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass auch nach Überwindung dieser globalen Krise Impfprävention einen zentralen Stellenwert in allen Bereichen der Medizin behalten wird. Auch Urologen sind somit jetzt aufgerufen, im Sinne aktuell staatlicher Verordnungen als Impfmedizinerallgemeine Impfempfehlungen zukünftig besser umzusetzen.

Coronaviren (SARS-CoV-2) riefen als Zoonose in unserer Spezies im Zeitalter perfekter Vernetzung und Globalisierung aktuell eine geradezu unvorstellbare Krise der menschlichen Weltbevölkerung hervor. Gegenüber der „Mutter aller Pandemien“, der Spanischen Grippe, die weltweit vor etwa 100 Jahren noch schätzungsweise 20–50 Millionen Todesopfer (ca. 10% Letalität) unter der ungeschützten Weltbevölkerung forderte, weisen epidemiologische Daten bis heute für die aktuelle COVID-19-Pandemie eine weltweite Letalitätsrate von gerade 2–3% aus. Heute hat die impfmedizinisch präventable saisonale Influenza eine fünffach niedrigere Sterblichkeit im Vergleich zur COVID- 19-Pandemie [20], für die Impfstoffe erst neu entwickelt werden mussten.

Impfen gegen die Krise

Während die tatsächlichen medizinischen und wirtschaftlichen Folgen der aktuellen COVID-19-Pandemie aber bislang noch gar nicht absehbar sind, hat sich aber die Impfmedizin als existentielle Krisenstrategie weltweit fest etabliert, was auch einer in Deutschland verbreiteten Impfmüdigkeit und Impfgegnerschaft entgegenwirken sollte. Berechtigt das neue „Gesetz für den Schutz vor Masern und zur Stärkung der Impfprävention“ [6] grundsätzlich die Urologen, sämtliche Impfungen gemäß den Empfehlungen der für Deutschland zuständigen Ständigen Impfkommission (STIKO) [4] vorzunehmen, sollten impfmedizinisch aktive Urologen rechtliche Aspekte der Impfqualifikation sowie der Impfhaftung kennen und berücksichtigen [19]. Während letztere selbstverständlich bundesweit einheitlich in nationalen Gesetzen geregelt ist, liegt die Regelung und Prüfung fachlicher Qualifikationen föderal in den Händen der Landesärztekammern. Individuelle Vereinbarungen müssen unter Umständen darüber hinausmit Haftpflichtversicherern und zuständigen Kassenärztlichen Vereinigungen von Urologen getroffen werden [19]. Uneingeschränkt kann jedem Urologen die Teilnahme an zertifizierten Impfkursen, wie sie auf nationalen und regionalen Kongressen der Urologie angeboten wurden, zugeeigneten Qualifikationsnachweis nur Empfohlen werden.

Etablierte Impf-Aktivitäten und -Kampagnen der Urologie

Historisch betrachtet zielten die Impfaktivitäten der Urologie in den letzten Jahrzehnten eher auf die Therapie einzelner uro-onkologischer Krankheitsbilder [18] denn auf die Präventivimpfungen. Dies änderte sich erst mit der HPV-Impfkampagne der Urologen, die wohl auch dazu beitrug, seit 2018 nicht nur Mädchen, sondern auch Jungen in Deutschland STIKO-konform präventiv impfen zu können [2, 10, 11, 16].Die präventivmedizinische Bedeutung der HPV-Impfung wurde dabei auch in Fachgesellschaft und Berufsverband der Urologen relativ spät erkannt [14–17] und erst in den letzten Jahren dann konsequent für Jungen gefordert. Bis heute tragen Urologen allerdings zur HPV-Präventivimpfung nur unwesentlich aktiv bei [12], was ins besondere daran liegen dürfte, Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen und Senioren seltener in urologischen Praxen und Kliniken zu betreuen.

Zukünftige Impfinitiativen der Urologie

Die Implementierung von Präventivimpfungen nach STIKO-Empfehlung in der Urologie muss primär auf die klassische Klientel der Urologen und nicht etwa auf die intendierte Neuschaffung von Versorgungsstrukturen (z. B. Jungensprechstunden) abzielen [2, 15]. Jede Gelegenheit, Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern die HPV-Impfung aller Kinder zwischen 9 und 17 Jahren zu empfehlen, sollte von Urologen konsequent genutzt werden [18, 19]. Leider geschieht dies aber noch viel zu selten, da Urologen bislang initiative Präventivimpfungen oder die Überprüfung des Impfschutzes der Patienten im Rahmen ihrer täglichen Routinetätigkeiten kaum anbieten. Im direkten Vergleich zu den Gynäkologen beispielsweise, die den Impfschutz ihrer Patientinnen in jedem Alter ganz selbstverständlich überprüfen und ergänzen, müssen in der Urologie erhebliche Defizite diesbezüglich eingeräumt werden. Durch niedrigschwellige Impfangebote in urologischen Praxen und Kliniken (Abb.1) ließen sich auch angestammte urologische Patienten dabei relativ einfach erreichen. Beratung und Überprüfung des Impfschutzes könnten mithilfe der STIKO-Impfkalender in der Urologie vorgenommen werden [8], Teile dieser Tätigkeiten könnten wie in anderen Fachgebieten an nicht-ärztliche Mitarbeiter delegiert und ohne größeren Aufwand in die eigenen Organisationsabläufe integriert werden. Gerade bei männlichen Erwachsenen und Senioren, die selten Arztkontakte pflegen oder gar keinen Hausarzt angeben, müssen Urologen auch in allgemeinmedizinischer Hinsicht mehr Verantwortung übernehmen und zukünftig den Impfstatus der Männer prüfen, um vorhandene Impflücken durch Auffrischungs-Impfungen zu schließen oder beispielsweise Alters- Impfungen ihren Senioren über 60 Jahre impfmedizinisch geschult [1, 3, 13] anzubieten (Abb. 1; >>zum Poster).

Abb. 1: Der QR-Code führt zu zwei Impfpostern für das urologische Wartezimmer – erstellt von Prof. Dr. Schneede.

Geriatrie: ein möglicher Wachstumsbereich der Urologie

Der Auf- und Ausbau geriatrischer Kompetenzen in der Urologie könnte in unserem Fachgebiet ein ideales, weiteres Betätigungsfeld finden, wenn man sich zukünftig gerade insbesondere der Alters-Impfungen annehmen würde (Tab. 1).

Tab. 1: Urologisch praktikable, STIKO-konforme Impfmedizin.

Fazit

Die politisch eingeforderte, fachgebietsübergreifend verbesserte Umsetzung der STIKO-Empfehlungen zu Standard-, Indikations- und Auffrischungs- Impfungen ist nicht allein eine aktuell gesetzgeberische Verpflichtung [6], sie ist gleichzeitig eine Chance der Urologie, ihre impfmedizinischen Kompetenzen für das Fachgebiet sinnvoll zu erweitern. Und die COVID-19-Pandemie, welche auch die urologischen Praxen und Kliniken erheblich belastete, wird nach Beendigung des weltweiten Krisenmodus nicht allein die Renaissance der Impfmedizin, sondern eine weitere Präventivimpfung hervorgebracht haben, die zukünftig auch von Urologen nach STIKO-Empfehlung initiativ angeboten werden könnte.

Literatur:

  1. Betsch C, von Hirschhausen E, Zylka-Menhorn V (2019) Professionelle Gesprächsführung – wenn Reden Gold wert ist. Dtsch Arztebl 116: B-427-433
  2. Bühmann W (2018) Impfen: Schutz für Jungen vor Genitalwarzen und Krebs durch Humane-Papillomviren-Infektion. Urologe 57:1499-1508
  3. Dempsey AF, Pyrznawoski J, Lockhart S, et al. Effect of a Health Care Professional Communication Training Intervention on Adolescent Human Papillomavirus Vaccination. A Cluster Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatr. DOI: 10.1001/jamapediatrics.2018.0016
  4. Empfehlungen der Ständigen Impfkommission beim Robert Koch-Institut – 2020/2021 Epid Bull 34: 1-68
  5. https://www.who.int/news-room/detail/30-01-2020-statement-on-the-second-meeting-of-the-international-health-regulations-(2005)-emergency-committee-regarding-the-outbreak-of-novel-coronavirus-(2019-ncov) Zugegriffen: 20. Februar2021
  6. https://www.bgbl.de/xaver/bgbl/start.xav?startbk=Bundesanzeiger_BGBl&start=%2F%2F%2A%5B%40attr_id=%27bgbl120s0148.pdf%27%5D#__bgbl__%2F%2F*%5B%40attr_id%3D%27bgbl120s0148.pdf%27%5D__1613756608319Zugegriffen: 20.Februar2021
  7. https://www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019   Zugegriffen: 20.Februar2021
  8. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/Impfen/Materialien/Downloads-Impfkalender/Impfkalender_Deutsch.pdf?_blob=publicationFile Zugegriffen: 20.Februar2021
  9. https://www.who.int/news-room/spotlight/ten-threats-to-global-health-in-2019 Zugegriffen: 20.Februar 2021
  10. Klug SJ, Meerpohl J, Röbl-Mathieu M, et al. (2018) HPV-Impfung. Auch Jungen können profitieren. Deutsches Ärzteblatt 115: A1382-1386
  11. Klug SJ, van der Sande M, Terhardt M, et al. (2018) Die STIKO empfiehlt die HPV-Impfung jetzt auch für Jungen. Urologe 57:1346-1350
  12. Persönliche Kongressaufzeichnung: Reuschenbach M, Wölle R, Mihm S, et al. (2019) HPV vaccination uptake in boys after introduction of gender-neutral HPV vaccination in Germany – A retrospective database analysis (IMS Vaccine Analyzer). Vorgestellt auf dem EUROGIN-Kongress, 04. bis 07. Dezember 2019, Monaco
  13. Rand CM, Schaffer SJ, Dhepyasuwan N, et al. Provider Communication, Prompts, and Feedback to Improve HPV Vaccination Rates in Resident Clinics. Pediatrics 141: e20170498
  14. Schneede P, Schlenker B, Hungerhuber E (2006) Condylomata acuminata. Eine Indikation für HPV-Vakzination? Urologe 45: 1514-1520
  15. Schneede P (2017) Ein Jahrzehnt der HPV-Impfung in Deutschland. Urologe 56: 728-733
  16. Schneede P (2018) Krankheitslast humaner Papillomviren der Männer. HPV-Vorsorge wird Männersache. Urologe 57: 1452-1456
  17. Schneede P, Schlenker B (2018) Humane Papillomviren und Peniskarzinom. Überlegungen zu Präventionsmaßnahmen. Urologe 57. 413-417
  18. Schneede P (2019) Verbesserung der Impftätigkeiten in der Urologie. Urologe 58: 1353-1360
  19. Schneede P, Schneede JB (2020) Der Urologe als Impfarzt. Urologe 59: 1492-1497
  20. Xie Y, Bowe B, Maddukuri G, et al. (2020) Comparative evaluation of clinical manifestations and risk of death in patients admitted to hospital with covid-19 and seasonal influenza: cohort study. BMJ 371:m4677

Autor

Prof. Dr. med. Peter Schneede

Urologische Klinik
Klinikum Memmingen,
Lehrkrankenhaus der LMU München
Bismarckstraße 23, 87700 Memmingen

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