Urologische Regionalkongresse dümpeln vor sich hin, ohne dass ein frisches Zukunftskonzept erkennbar ist. Der Sinn bleibt vage, die Zielgruppe diffus. Schwindende Teilnehmerzahlen, abnehmendes Interesse der Pharmaindustrie und Programme mit Qualitätsproblemen verbessern nicht die Perspektiven. Das Team der Magdeburger „Kontroversen in der Uro-Onkologie“ hat offenbar einen erfolgversprechenden Ansatz gefunden und fordert die traditionellen Veranstaltungsmacher heraus. Attraktive Themen und Formate könnten den Regionalkongressen überall Auftrieb geben.

Zum achten Mal finden am 10. und 11. Januar 2020 die „Kontroversen in der Uro-Onkologie“ in Magdeburg statt. Die Initiatoren des Symposiums sind der wissenschaftliche Leiter Prof. Martin Schostak und Markus Liebold, geschäftsführender Gesellschafter der Think Wired – Healthcare Communications GbR.

„Zu Beginn kamen 200 Interessenten. 2019 haben wir in Magdeburg 430 Tickets verkauft. Damit liegen wir über den Teilnehmerzahlen vieler regionaler Kongresse in der Urologie. 2020 hoffen wird auf mehr als 500 Teilnehmer. Wissenschaftlicher Partner ist die Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg“, berichtet Liebold. Das Konzept des Duos Schostak-Liebold für interessante und erfolgreiche Regionalveranstaltungen in der Urologie beruht auf zwei Komponenten: Die Kongressbesucher haben Anspruch auf Leistung und die Pharmaindustrie ist Partner und nicht Goldesel.

Mittler zwischen Fortbildung und Industrie-Interessen

„Ich sehe mich als Mittler zwischen ärztlicher Fortbildung und den Interessen der Industrie“, betont Liebold. Wenn eine Medizintechnik-Firma ihre Ultraschallgeräte nach Magdeburg transportiert und für einen GeSRU-Workshop zur Verfügung stellt, muss sie in Magdeburg keine zusätzlichen Gebühren für den Workshop zahlen. Im Magdeburger Konzept finden die Satellitensymposien der Industrie nicht in Parallelveranstaltungen um die Mittagszeit statt, sondern im Hauptprogramm mit Kennzeichnung.

Es gibt auch klassische Satellitensymposien, aber anders. Eine Sitzung zum metastasierten Nierenzellkarzinom z. B. vereint den operativen Part des Veranstalters und den medikamentösen Part, der in der Hand der Industrie bleibt. In Absprache mit der wissenschaftlichen Leitung kann die Industrie Referenten und Inhalte bestimmen und erhält dafür vom Veranstalter ein gut gefülltes Auditorium. „Wir denken partnerschaftlich“, so Liebold, „und bieten den Industrieunternehmen einen Saal mit 300 Leuten.“

Die urologischen Regionalkongresse sind Liebold zufolge mit ihrem heutigen Konzept nicht zukunftsfähig. „Aus meiner Sicht wird bei vielen Kongressen nicht mehr hinterfragt, warum man dies macht. Beim Programmentwurf ist ein kommunikatives Ziel Pflicht, weil die zahlenden Teilnehmer Anspruch auf eine inhaltliche und didaktische Leistung des Symposiums haben. Die Fachgesellschaften müssen ihren Kongress als Produkt begreifen, das man als Kommunikationstool und Marketinginstrument im eigenen Sinne möglichst attraktiv auf dem Markt positioniert“, so Liebold.

Langeweile verboten bei den Magdeburger Kontroversen

Erster Grundsatz ist die thematische Zuspitzung. Langeweile ist verboten in Magdeburg. „Wir suchen nach polarisierenden Themen und wir haben immer einen Moderator oder Schiedsrichter, der kurz in das Thema einleitet und die aktuelle Evidenz aus Sicht des Experten darstellt. Danach gibt es entweder einen Pro-und-Kontra-Disput oder es folgen vier bis fünf Referenten mit jeweils verschiedenen Standpunkten. Zum Schluss folgt die Diskussion von Fallbeispielen“, beschreibt Liebold das Grundmuster.

Die Zeit pro Beitrag ist auf drei bis maximal fünf Minuten begrenzt, die Zahl der Charts ist auf drei bis fünf limitiert. „Wir versuchen, bei der Konzeption einer Veranstaltung ein Drehbuch zu schreiben, das eine spannende wissenschaftliche Diskussion ermöglicht“, betont Liebold. Ein Veranstaltungstyp heißt z. B. „Fünf Argumente dafür und fünf Argumente dagegen“. Dann hat der Referent fünf Charts und 3 bis maximal 5 Minuten zur Verfügung, um seinen Standpunkt zu erläutern. Was jemand in 5 Minuten nicht auf den Punkt bringen könne, werde er auch in 15 Minuten nicht schaffen. Liebold glaubt, dass „die Langeweile des Auditoriums aufgrund 15- oder 20-minütiger Generalvorträge ein wesentlicher Grund für die Krise der urologischen Regionalkongresse ist. Die klassischen Veranstaltungsformate, in denen die zahlenden Teilnehmer nicht als Kunden mit Erwartungshaltung erkannt werden, haben es künftig schwer.“

Schostak und Liebold stellen Ansprüche an die Präsentationsfähigkeiten der Referenten. „Der beste Redner zum Thema soll sprechen“, lautet der Grundsatz. Der urologische Nachwuchs kommt in Jungen Foren oder Workshops zu Wort.

Markus Liebold, Geschäftsführer von Think Wired: „Die Fachgesellschaften müssen ihren Kongress als Produkt begreifen.“

Klinikchefs müssen Nachwuchs besser auf Kongresse vorbereiten

Unter dem Strich hält Liebold urologische Regionalkongresse für sinnvoll, aber nur in stark reformierter Form. Diesen Grundgedanken teilt er mit Dr. Thomas Speck, Vorstandsmitglied der DGU und Schatzmeister der Berliner Urologischen Gesellschaft. „Regionalkongresse werden sich nur verändern, wenn Teilnehmer, Veranstalter und Industrie lernen“, fordert Speck. Teilnehmende Urologen sollten mehr über den Wert dieser Art der Fortbildung lernen. Die Klinikleiter sieht Speck in der Pflicht, ihre jungen Mitarbeiter zu motivieren und vorzubereiten. „Dazu gehören auch Rhetorik und Präsentationsgüte“, betont Speck.

Ambulant tätige Urologen seien offen für Regionalkongresse, wenn sie praxisnahe Fortbildung böten. Die Kongressveranstalter ermuntert Speck, praxisnahe Themen festzusetzen und Veranstaltungen sowie Referenten konsequent zu evaluieren und bei Bedarf auch Konsequenzen zu ziehen. Veranstalter sollten sich nicht selbst Konkurrenz durch Parallel- und Fehlplanungen der Sitzungen schaffen. Die Industrie ermahnt Speck, Regionalkongresse nicht mit dem DGU-Kongress gleichzusetzen. „Hier ist nicht allein Präsenz gefragt, sondern das persönliche Gespräch mit Klinikern und Ambulanten“, so Speck. Die Erkenntnisse aus diesen Gesprächen könnten sehr praxisrelevant sein und Bedeutung für Entscheidungen der jeweiligen Chefetagen haben.

Dr. Thomas Speck, Vorstandsmitglied der DGU und niedergelassener Urologe in Berlin: „Teilnehmer, Veranstalter und Industrie müssen auf Regionalkongressen dazulernen.“

Regionale Gesellschaften sollten enger kooperieren

Ein möglicher Weg zu mehr Attraktivität regionaler Kongresse sei der Zusammenschluss verschiedener Regionalgesellschaften. „Dieses Modell verfolgt seit 14 Jahren der Nordkongress und kann zumindest in der Koordinierung von vier Fachgesellschaften eine Erfolgsgeschichte vorweisen“, so Speck. Die Veranstaltung von Regionalkongressen möchte der Berliner Urologe an eine Mindestteilnehmerzahl koppeln. Für Teilnehmer, Veranstalter und Industrie sei eine sinnvolle Mindestgröße erforderlich, denn nur so entstehe Motivation.

Um mehr Nachhaltigkeit zu erzeugen, sollten Kongressergebnisse identifiziert werden. Allgemeingültige Problem- und Fragestellungen, die sich daraus ergeben, sollten aus Specks Sicht bundesweit und regional von BvDU, DGU und Fachgesellschaften weiterverfolgt und möglichst gelöst werden.

Insgesamt hält Thomas Speck Regionalkongresse in der Urologie aus folgenden Gründen für unverzichtbar:

  • Diversität der Themen und der akademischen, wissenschaftlichen und praktischen Ansätze,
  • Nachwuchsförderung durch die Möglichkeit, erste wissenschaftliche Meriten zu erwerben und wissenschaftliche Disputtechniken zu erlernen,
  • Identifizierung und Diskussion von Fragen zur Versorgungsforschung,
  • Hervorhebung der täglichen Abläufe in Klinik und Praxis (operative Standardprozeduren, Tipps und Tricks),
  • Interaktive Arbeit durch TED-Abstimmungen und kontroverse Dispute,

Erfahrungsaustausch über die regionale Berufspolitik und professionelle Vernetzung. Schon Ende des vergangenen Jahrhunderts diskutierten Urologen über den Sinn von Regionalkongressen. Oft hatte man den Eindruck, als wollten Kongresspräsidenten das alles vor allem schnell hinter sich bringen. Danach waren sie ja ohnehin nicht mehr verantwortlich. Den Anstoß zur aktuellen Kritik gab Prof. Lothar Weißbach in UroForum nach dem Besuch des diesjährigen Nordkongresses (s. UroForum 9/19, S. 18). Ob Weißbach, Liebold oder Speck – allen ist eine Erkenntnis gemein: Das Konzept der Regionalkongresse muss grundlegend reformiert werden, sonst werden sie keine Zukunft haben.

Autor

Franz-Günter Runkel
Chefreporter UroForum

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