Als Arzt sollte man vielleicht etwas tiefer im Kleiderschrank kramen oder auf dem Weg aus dem OP den weißen Kittel holen, wenn es einem wichtig ist, wie man von Patienten wahrgenommen wird. Das ist das Ergebnis einer großangelegten Studie, die die Vorlieben von Patienten für die Kleidung von Ärzten untersucht hat.

Abb.: Manche Dresscodes sind zum Glück aus der Mode gekommen – auch im Sinne des Patientenwohles. (Foto: Adobe/Stock)

Die Autoren der Studie, die im British Medical Journal erschienen ist (>>zur Publikation), kommen zu dem Ergebnis, dass die Kleidung von Ärzten möglicherweise eine viel größere Rolle spielt, als die meisten Ärzte und Patienten glauben.

Etwas mehr als die Hälfte der 4.062 Patienten, die in den Kliniken und Krankenhäusern von zehn großen medizinischen Zentren befragt wurden, gaben an, dass es für sie wichtig ist, was die Ärzte tragen. Mehr als ein Drittel gab sogar an, dass es ihre Zufriedenheit mit der Behandlung beeinflusst.

Zugegeben, die angesprochene Studie ist schon aus dem Jahr 2018. Doch an den grundlegenden Aussagen dürfte sich trotz Corona nicht viel geändert haben.

Kleider machen Ärzte: Wirkung unterschiedlicher Outfits

In der Studie wurden die Patienten auch gebeten, sich Bilder von männlichen und weiblichen Ärzten in sieben verschiedenen Outfits anzusehen. Sie sollten sich die Ärzte dabei sowohl in stationären als auch in ambulanten klinischen Einrichtungen vorstellen. Bei jedem Foto bewerteten die Teilnehmer wie sachkundig, vertrauenswürdig, fürsorglich und zugänglich der Arzt erschien und wie sich die Kleidung auf das Wohlbefinden des Patienten auswirkte.

Folgende Kombinationen gab es:

  • Casual: Kurzärmeliges Hemd mit Kragen und Jeans dazu Tennisschuhe, mit oder ohne weißen Kittel
  • OP-Kleidung: Blaues kurzärmeliges Oberteil und Hose, mit oder ohne weißen Kittel
  • Formell: Hellblaues langärmeliges Hemd und marineblaue Anzughose, mit oder ohne weißem Kittel, mit schwarzen Absatzschuhen für Frauen und schwarzen Lederschuhen für Männer und einer dunkelblauen Krawatte für Männer
  • Business-Anzug: Marineblaues Jackett und Hose mit dem gleichen Hemd, der gleichen Krawatte und den gleichen Schuhen wie bei der Option “formal”, ohne weißen Kittel

Formelle Kleidung mit weißem Kittel erhielt die höchste Punktzahl und war besonders bei Personen über 65 Jahren beliebt. Es folgten Kittel mit weißem Kittel und formelle Kleidung ohne weißen Kittel.

Der Behandlungsort spielte auch eine Rolle. 62 % stimmten zu oder stimmten voll und ganz zu, dass Ärzte einen weißen Kittel tragen sollten, wenn sie Patienten im Krankenhaus behandeln, und 55 % sagten dasselbe für Ärzte, die Patienten in einer Praxis behandeln. Der Prozentsatz, der einen weißen Kittel bevorzugt, fiel auf 44 % bei Notärzten.

Die Umfragen wurden während der Geschäftszeiten an Wochentagen durchgeführt, und die Forscher fragten die Patienten auch, was Ärzte tragen sollten, wenn sie Patienten am Wochenende behandeln. In diesem Fall sagten 44 %, dass ein kurzärmeliges Outfit mit Jeans angemessen sei, obwohl 56 % einem solchen Look neutral gegenüberstanden oder ihn ablehnten, selbst am Wochenende.

Fazit

Basierend auf der Arbeit rufen die Forscher dazu auf, dass mehr Krankenhäuser, Gesundheitssysteme und Praxisgemeinschaften ihre Kleidungsstandards für Ärzte überprüfen oder bei Bedarf selbst erstellen, um die Patientenerfahrung zu verbessern.

Die Studie wurde in den USA durchgeführt. Aber auf Grundlage von vergleichbaren kulturellen Prägungen, ist in Deutschland sicherlich mit ähnlichen Ergebnissen zu rechnen. Wobei es dennoch interessatn wäre vergleichbare Studien durchzuführen. Nicht zuletzt, um auch den Effekt von Covid-19 und den vermehrten Einsatz von Telemedizin auf die Patientenvorlieben zu erfassen.

Der sogenannte “White-Coat-Effect” ist seit über 20 Jahren bekannt, aber vielleicht helfen die genannten Forschungsergebnisse, um wieder neu über die eigene Kleidung und deren Wirkung auf das Patientenwohl nachzudenken.

Quellen:

Petrilli CM, Saint S, Jennings JJ, et al Understanding patient preference for physician attire: a cross-sectional observational study of 10 academic medical centres in the USABMJ Open 2018;8:e021239 (>>zum Paper)

Blog der Michigan University (>>zum Beitra)

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