Trotz aller Lippenbekenntnisse gibt es heute kaum digitale Innovationen im Gesundheitssystem. Warum? Experten aus Politik, Verwaltung, Industrie und Krankenkassen versuchten in Berlin eine Problembeschreibung im Spannungsfeld von Wirtschaftlichkeit, Wettbewerb und Patientenwohl. Die Einschätzungen gehen weit auseinander.

Relativ einfach ist die Interessenlage der Politik, denn Geldnot, demografischer Wandel und Fachkräftemangel lassen keine andere Wahl, als ganz auf Effizienzgewinne durch Digitalisierung zu setzen. Für Christian Klose, Gematik-Chef im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), ist klar: „Die Chancen der Digitalisierung müssen mit Mut genutzt werden. Digitalisierung muss man nicht erleiden, sondern gestalten.“

Im europäischen Vergleich hinkt Deutschland digital hinterher

Deshalb nutzt das BMG jedes neue Gesetz dazu, die Parteien des Gesundheitssystems unter digitalen Druck zu setzen. Das Gesundheitssystem wird sich aus der Sicht des BMG in den nächsten Jahren radikal verändern. Klinik und Praxis seien keine gallischen Dörfer in einer digitalen Welt. „Das Bundesministerium für Gesundheit will im Prozess der Digitalisierung des Gesundheitswesens Geschwindigkeit erzeugen. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei der Digitalisierung weit hinten“, so Klose. Besonders im Fokus des Ministeriums sind offenbar die gesetzlichen Krankenkassen, die eher als digitale Bremser gesehen werden. „Ein Blick auf die Krankenkassen zeigt, dass digitale Angebote noch viel zu stark als Marketing-Instrumente eingesetzt werden“, stellte Klose fest. Zwar werde das Instrument der Selektivverträge teilweise genutzt, aber beim Bürger komme nicht viel an. Das BMG will Digitalisierung in der Gesundheit erlebbar machen. „Warum gibt es noch keine einzige App auf Rezept im Rahmen der Regelversorgung? Digitale Innovationen müssen sehr viel schneller in das System der Regelversorgunggelangen– Datenteilen heißt besser heilen.“ Das BMG sieht die Bedeutung der Krankenkassen vor allem beim Abschluss digitaler Selektivverträge mit Leistungserbringern sowie von Direktverträgen mit Technikunternehmen. „In der analogen Welt haben wir gelernt, dass Selektivverträge zwischen Krankenkassen und Leistungserbringern sehr gut funktionieren. Genau diesen Effekt wollen wir nun auch bei der Digitalisierung erzielen“, erläuterte Klose. Krankenkassen dürfen laut Entwurf des Digitale- Versorgung-Gesetzes (DVG) ihre Gesundheitsdaten analysieren und nutzen, Unternehmen ihre digitalen Produkte bereits während eines Zulassungsverfahrens in die Versorgung bringen. Bisher seien sie oft in den Mühlen der Selbstverwaltung stecken geblieben, so Klose. „Die Transformation muss deutlich mehr Vorschub erhalten.“

McKinsey sieht perfekte Marktvoraussetzungen

Auf einer Linie mit dem BMG argumentierte Dr. Stefan Biesdorf, IT-Experte beim Unternehmensberater McKinsey & Company: „Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wird nur dann funktionieren, wenn man von den digitalen Champions lernt, die die Industrie umgekrempelt haben.“ Patienten wollten aktiver in ihre Gesundheitsversorgung eingebunden werden. Es gebe Nachfrage, Angebote und digitalen Nutzen. „Das sind perfekte Voraussetzungen dafür, dass ein Markt im Gesundheitswesen entstehen kann“, unterstrich Biesdorf. Trotzdem gebe es hohe Barrieren, die den digitalen Marktdurchbruch bislang verhindert hätten.

Digitalisierung kann 34 Mrd. Euro Effizienzreserven heben

Markt und Kunden müssten über den Erfolg digitaler Produkte entscheiden und nicht die Regulierer in Krankenkassen und Behörden. „Es braucht eine ganz andere Geisteshaltung, denn die Beurteilung durch den Nutzermacht den Unterschied und nicht die Ansicht eines Arztes oder Krankenversicherers.“ Biesdorf forderte, die digitale Versorgung aus der Richtung des Marktes zu denken. Produktentwicklung und Finanzierung sollte nicht Aufgabe von Krankenkassen sein, sondern von IT-Start-ups sowie den Investoren von Wagniskapital. Insgesamt sei viel mehr Mut und Entschlusskraft zur Digitalisierung des Gesundheitswesens erforderlich. In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Managed Care untersuchte McKinsey bereits 2018, wie groß das Nutzenpotenzial der Digitalisierung tatsächlich ist. Die Untersuchung kam auf die imposante Summe von 34Mrd. Euro. Frank Plate, Präsident des Bundesversicherungsamts, äußerte sich da deutlich konservativer: „Der Gesetzgeber sollte den ordnungspolitischen Rahmen für Patientenwohl setzen.“ Die Weichen stellte Plate deutlich stärker auf Regulierung und behördliche Kontrolle. „Das digitale Produkt sollte nicht der Anreiz sein, in den Wettbewerb zu gehen. Eine Krankenkasse sollte ein digitales Angebot haben, weil sie das aus dem Blickwinkel der Versorgung befürwortet, und nicht weil Patienten ein solches Produkt habenwollen.“ Die Themen Wirtschaftlichkeit und Wettbewerb seien in den Sozialgesetzbüchern IV und V reguliert. „Das Patientenwohl bedeutet für uns nicht nur die Effizienz und Wirksamkeit von Versorgung, sondern auch Persönlichkeitsrechte und digitale Sicherheit. Es geht hier um hoch sensible Gesundheitsdaten“, betonte Plate. Ein pragmatischer Datenschutz sei Grundvoraussetzung dafür, digitale Anwendungen in der Versorgung zu erhalten. „Für uns steht der Aspekt des Wettbewerbs eher an letzter Stelle. Das Wohl des Patienten hat Vorrang.“ Und die Krankenkassen? Dr. Wolfgang Matz, Vorstandsvorsitzender der Kaufmännischen Krankenkasse, formulierte eine Zustimmung unter Bedingungen: „Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein Erfolgsmodell, wenn Leistung mit der Digitalisierung verbunden wird.“ Matz lehnte Gesundheits-Apps als Marktprodukte entschieden ab. Digitale Serviceangebote seien kein Kommerz, sondern „produktive Elemente besserer Versorgungsketten für präzise Gebrauchsfälle“. Die Digitalisierung an sich leiste nichts. Sie sei nur dann förderungswürdig, wenn Krankenkassen sie mit guten Versorgungsinhalten füllten. An erster Stelle stehe das Patientenwohl, dann folge die Wirtschaftlichkeit und am Ende der Wettbewerb. „Mit dem neuen § 68 b des DVG wäre es möglich, diese prädiktiven Daten zu schöpfen und eine bessere Gesundheitsvorsorge zu realisieren.“

„Big Data der Privatwirtschaft und dem Staat entziehen“

Die Auswertung der Gesundheitsdaten sollte staatlichen Institutionen sowie der Privatwirtschaft entzogen werden, um einen gewinnorientierten Datenmissbrauch zu verhindern, so Vorstandschef Matz. Diese Daten sollten nur in streng begrenzten Ausnahmen wie wissenschaftlichen Studien der Analytik zur Verfügung gestellt werden, weil die Begrenzung des Zugriffs gerade bei sensiblen Gesundheitsdaten von Wichtigkeit sei. Auch die Krankenkassen sollten keinen Zugriff auf analytische Gesundheitsdaten haben, sondern dieser wissenschaftliche Zugriff sollte einemunabhängigen GKV-Institut ohne Profitinteresse vorbehalten sein. Dieses Institut könnte eine Ausgründung einer Institution der Selbstverwaltung sein. Als rechtliche Sonderform sei ein solches Institut anderen Einflüssen entzogen und werde aus dem Versichertenkreis getragen und durch Versichertenvertreter in den Verwaltungsräten der Selbstverwaltung kontrolliert. „Der Patient muss immer Herr seiner Daten sein“, stellte Matz klar. Eine deutlich liberalere Haltung nahm Christina Vössing, Deutsche Rentenversicherung Knappschaft- Bahn-See, ein: Vössing schloss keineswegs aus, dass digitale Produkte auch Instrumente des Marketings sind. „Ich halte es nicht für einen Widerspruch, wenn Versicherte diese digitalen Angebote als Entscheidungsgrundlage für die Wahl einer Krankenkasse nutzen.“

Was bedeutet Patientenwohl im digitalen Zeitalter?

Die Knappschaft sein nicht ängstlich. Die Entwicklung digitaler Produkte sei mit Agilität, also der Geschwindigkeit elektronischer Prozesse verknüpft. Die Gretchenfrage laute: „Was bedeutet Patientenwohl im digitalen Zeitalter? Selbstmanagement und Eigenverantwortung spielen eine immer größere Bedeutung.“ Digitale Medien böten große Chancen, die gesetzliche Krankenversicherer im Blick haben müssten. Die Nutzenbewertung werde sich im digitalen Zeitalter sehr verändern. Hieraus ergebe sich auch eine völlig neue Rolle der Krankenversicherungen in der digitalen Beratung und Orientierungshilfe für die Versicherten.

UroForum 9/2019, S. 16/17

Franz-Günter Runkel

Chefreporter UroForum

Schreibe einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * markiert.

Beitragskommentare