Sexuelle Neigungen zum gleichen Geschlecht sind nur geringfügig vererbbar und lassen sich nicht im Genom ablesen. Das zeigt eine genomweite Assoziationsstudie (GWAS), bei der hunderttausende Marker untersucht wurden. Die bisher umfassendste Genomanalyse haben Forscher vom Massachusetts General Hospital in Boston und vom Broad Institute of MIT und Harvard in Cambridge in Science publiziert (2019; doi: 10.1126/science.aat7693).

Die Autoren betonen, sie hätten in ihrer Analyse der statistischen Zusammenhänge keine bedeutsamen Muster unter den untersuchten genetischen Varianten finden können, „mit denen man das Sexualverhalten einer Person sinnvoll vorhersagen oder identifizieren könnte“. Lediglich 5 Marker im Erbgut korrelierten signifikant mit der Selbsteinschätzung der Teilnehmenden. Zwei davon waren nur bei Männern zu finden: Ein Genabschnitt enthält Sequenzen, die für Geruchsrezeptoren kodieren, ein anderer spielt bei Haarausfall eine Rolle. Für 3 der 5 signifikanten Bereiche im Erbgut konnten die Zusammenhänge in kleineren Datensets dreier unbhängiger Studien bestätigt werden. „Interessanterweise sind die genetischen Faktoren, die zu männlicher und weiblicher Ho­mosexualität beitragen, nur teilweise überlappend. An dieser Stelle gibt es wohl jeweils auch geschlechtsspezifische biologische Mechanismen“, vermutet Markus Nöthen, Direktor des Instituts für Humangenetik am Universitätsklinikum Bonn.

Die Teilnehmer der Studie stammten zum größten Teil aus der UK Biobank, zu einem kleineren Teil waren es Freiwillige, die einer Untersuchung ihres Erbguts im Rahmen eines Forschungsprojekts des kalifornischen Unternehmens 23andMe zugestimmt und dazu auch Fragebögen zum Sexualverhalten beantwortet hatten. Insgesamt machten alle getesteten genetischen Varianten 8 bis 25 % der Variation im gleichgeschlechtlichen Sexualverhalten von Mann und Frau aus. Teilweise überlappten sie mit anderen Verhaltensweisen wie etwa Rauchen, Cannabiskonsum, Risikobereitschaft und der persönlichen Offenheit für Erfahrungen. Wenn jedoch alle SNPs (single nuclear polymorphism), die die Forscher aus dem GWAS identifiziert hätten, zusammen in einem gemeinsamen Score betrachtet werden, würden sie weniger als 1 % erklären, schreibt Melinda C. Mills von der University of Oxford in einem Kommentar zur Studie. Die Effekte seien so gering, dass dieser genetische Wert in keiner Weise dazu verwendet werden könne, das gleichgeschlechtliche Sexualverhalten einer Person vorherzusagen.

Über den Ursprung homosexuellen Verhaltens wird in Wissenschaft und Gesellschaft seit vielen Jahren diskutiert. Eine frühere Zwillingsstudie aus Schweden aus dem Jahr 2010 in Archives of Sexual Behavior hatten fast 4.000 monozygotische und dizygotische Zwillings­paare untersucht und gezeigt, dass gleichgeschlechtliches Sexualverhalten teilweise genetisch beeinflusst wird. Viele der Zwillings- und Famlienstudien hätten nicht repliziert werden können, schreibt Mills. Obwohl diese Studien eine genetische Grundlage fanden, konnten sie keine Varian­ten isolieren, die mit der gleichgeschlechtlichen Orientierung an bestimmten geneti­schen Loci verbunden waren, führt sie weiter aus.

Im Rahmen der GWAS wurde nach Variationen eines einzelnen Basenpaares im DNA-Doppelstrang – sogenannten SNPs (single nuclear polymorphism) – im Erbgut von rund 470.000 Menschen gesucht. Diese hatten sie zuvor nach Selbstauskunft der Teilnehmer in 2 Gruppen aufgeteilt: Die eine hatte auf die Frage, ob sie jemals mit einem Menschen des gleichen Geschlechts Sex hatten, mit Ja geantwortet, die Kontrollgruppe mit Nein.

Diese neue Studie könnte helfen, Vorurteile und Angst vor genetischer Diskriminierung im Zusammenhang mit sexueller Orientierung abzubauen, hofft Jan Korbel vom European Molecular Biology Laboratory (EMBL) in Heidelberg. „Die sexuelle Orientierung stellt in vielen Ländern immer noch ein brisantes Thema dar“, sagte der Forschungsgruppenleiter und Senior Scientist der Genome Biology Unit. Menschen könnten beruhigt ihre Genomsequenz analysieren lassen, ohne dass Gefahr bestün­de, dass dabei ihre Orientierung aufgedeckt werden könnte.

Vorläufige Ergebnisse der Studien waren bereits vor einem Jahr auf dem Jahreskongress der American Society for Human Genetics vorgestellt worden. Die Forscher haben neben ihrer wissenschaftlichen Publikation auch eine Webseite erstellt, auf der die Bedeutung der Befunde für Laien eingeordnet wird, um Missverständnisse vorzubeugen. Auch zu­sammenfassende Daten der statistischen Auswertung sind dort nachprüfbar.

Quelle: Massachusetts General Hospital, Boston

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