Aus UroForum, Heft 04/21

Opioide sind heute aufgrund ihrer hohen analgetischen Potenz aus der Therapie starker chronischer Schmerzen (onkologischer sowie nicht-onkologischer Genese) nicht mehr wegzudenken. Eine Opioid-Therapie kann aber auch mit Nebenwirkungen assoziiert sein, wie zum Beispiel Obstipation, Übelkeit und Erbrechen. Darüber hinaus kann sich eine Opioid-Therapie aber auch negativ auf die körpereigene Testosteron- Produktion auswirken, was zu einem Opioid-induzierten Hypogonadismus (OPIAD) führen kann [1]. Unter einer länger andauernden Schmerztherapie mit Opioiden entwickeln über 50%dermännlichen Patienten einen OPIAD mit entsprechenden klinischen Symptomen [1]

Ursache des OPIAD ist zum einen die zentrale Inhibition des Gonadotropin- freisetzenden Hormons (GnRH) durch Opioide, und zum anderen die periphere Stimulation der 5.-Reduktase. Die Folge sind eine verminderte Sekretion des körpereigenen Testosterons und die erhöhte Umwandlung von Testosteron zu Dihydrotestosteron (DHT). Diese hormonsupprimierenden Effekte können bei Patienten, die neu auf Opioide eingestellt werden, bereits innerhalb von einer Woche auftreten [1]. Zudem machen Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus, Hypertonus und Dyslipidämie die Entwicklung eines OPIAD wahrscheinlicher [1, 2].

Fehlinterpretierte chronische Schmerzen

„Manchmal wird ein chronischer Schmerz mit Adynamie und Depression fehlinterpretiert, und es steckt in Wahrheit ein Testosteronmangel dahinter“, berichtet Priv.-Doz. Dr. med. Stefan Wirz, Chefarzt der Abteilung für Anästhesie, Interdisziplinäre Intensivmedizin, Schmerzmedizin/Palliativmedizin am Cura Krankenhaus Bad Honnef, seine Erfahrung aus der Klinik. „Besonders retardierte bzw. lang wirkende Opioide erhöhen das Risiko, dass Patienten einen Testosteronmangel entwickeln – und das sind genau die Opioide, die wir in der Schmerzmedizin sehr schätzen. Dabei ist Buprenorphin aus pharmakodynamischer Sicht eines der Opioide mit der geringsten Wirkung auf die Testosteronspiegel“, so Wirz weiter. Typische Symptome eines Hypogonadismus – und somit auch bei einem OPIAD – sind sexuelle Dysfunktion, depressive Verstimmung, Hitzewallung, Osteoporose, Verlust an Muskelmasse und Entwicklung einer Adipositas oder eines metabolischen Syndroms [2]. Es ist daher insbesondere auch für den Urologen in der Sprechstunde wichtig, bei Patienten, die eine länger andauernde Opioid-Therapie erhalten, an einen OPIAD zu denken und Patienten aktiv nach entsprechenden Symptomen zu fragen. Bei Patienten mit entsprechender Symptomatik sollte zudem der Testosteronspiegel bestimmt werden, um einen OPIAD ggf. ausschließen oder bestätigen zu können.

Testosterontherapie kann OPIAD-Symptome lindern

Nach Absetzen des Opioids sind die Symptome des Testosteronmangels zwar reversibel, aber für viele chronische Schmerzpatienten stellt ein Verzicht auf Opioide keine Option dar. In diesen Fällen kann eine Testosterontherapie z. B. mit Gelen oder Spritzen die Symptome bei OPIAD effektiv lindern. Das konnte z. B. in einer randomisierten, doppelblinden und Placebo-kontrollierten Studie an insgesamt 84 Männern mit chronischen Nichttumor-Schmerzen und OPIAD nachgewiesen werden [3]. Sie erhielten eine Opioidtherapie und entweder Testosteronoder Placebo-Gel 1x tgl. Die Testosterontherapie hatte innerhalb des Untersuchungszeitraumes von 14 Wochen dabei sowohl signifikante positive Effekte auf die individuellen Schmerzempfindungsschwellen als auch auf das sexuelle Verlangen und die Reduktion des Körperfetts. Zudem wurden die Muskelmasse und verschiedene Aspekte der Lebensqualität positiv beeinflusst. „Wenn eine Muskelschwäche Ursache von Rückenschmerzen ist, kann die Testosterontherapie durch Muskelaufbau indirekt auch gegen Schmerzen helfen“, erläutert Prof. Dr. med. Michael Zitzmann, Endokrinologe und Androloge, Oberarzt am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie, Abteilung für Klinische und Operative Andrologie, Universitätsklinikum Münster. (cb)

Literatur:

1. Coluzzi F et al., TestosteroneDeficiency in Non-Cancer Opioid-Treated Patients. J Endocrinol Invest 2018;41:1377-88.

2.DohleGR et al. EAU-Leitlinie „MännlicherHypogonadismus“. J Reproduktionsmed Endokrinol 2020; 17 (2):66-85.

3. Basaria S et al., Effects of Testosterone Replacement in Men With Opioid-Induced Androgen Deficiency: A Randomized Controlled Trial. Pain 2015; 156:280-8.

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