Das Severe Acute Respiratory Syndrome SARS-CoV-2 (COVID-19) führt in Praxen und Kliniken zu gravierenden wirtschaftlichen Ausfällen, weil ambulante Behandlungen und Operationen ausfallen bzw. verschoben werden. Während Privathonorare größtenteils ausfallen, kündigte KBV-Chef Dr. Andreas Gassen gegenüber nordrheinischen Berufsverbänden an, dass die morbiditätsbedingte Gesamtvergütung (MGV) 2020 vollständig ausbezahlt werde. Die Beantragung von Kurzarbeitergeld ist hingegen an Voraussetzungen gebunden.

In vielen urologischen Praxen herrscht Flaute, weil Sprechzeiten und Termine rar geworden sind. Dr. Michael Rug, BvDU-Landesvorsitzender in Baden und niedergelassener Urologe in Karlsruhe, bietet nur noch vormittags zwischen 8 und 12 Uhr Sprechstunden an. Persönliche Termine gibt es nur für Notfälle bzw. unaufschiebbare Behandlungen. Allerdings laufen die Telefone oft heiß.

Die Patienten haben inzwischen den Ernst der Lage verstanden

Seit Mitte März hat Rug das Praxispersonal stark reduziert und teilweise ins Homeoffice geschickt. „Ich versuche, so viele Anfragen wie möglich telefonisch zu beantworten und versende auch Rezepte per Post nach telefonischer Konsultation“, berichtet der Urologe. Nach Anlaufschwierigkeiten haben die Patienten den Ernst der Lage jetzt verstanden. Zu Beginn musste das Karlsruher Praxisteam noch Patienten wegschicken, wenn sie für eine routinemäßige PSA-Testung oder eine Vorsorge in die Praxis wollten. Selbst Spermiogramme im Rahmen einer Kinderwunschbehandlung sollten erfolgen. „Ich habe den Patienten in der momentanen Situation davon abgeraten, eine Schwangerschaft anzustreben, denn Schwangerschaft und Entbindung sind derzeit kein Kinderspiel“, so Rug. Mittlerweile hätten sich die Patienten aber gut auf die Situation eingestellt. Unter dem Strich fehlen aber Einnahmen: „Aufgrund der restriktiven Terminvergabe finden nur noch rund 20 % der Termine statt, 80 % fallen aus.“ Weiter im Westen der Republik arbeiten die Urologen im Schichtdienst. Dr. Michael Stephan-Odenthal, Landeschef des Berufsverbands in Nordrhein und Vertragsarzt in Leverkusen, ist nachmittags im Dienst und hat dann auch das zweite Pflegeteam im Einsatz. Am Vormittag versorgen die urologischen Partner Michael Klunder und Christoph Bender die Patienten mit dem ersten Praxisteam. Doch ein großes praktisches Problem der täglichen Arbeit ist überall der eklatante Mangel an Schutzausrüstung.

KBV-Chef Gassen informierte über den Rettungsschirm

Zum Thema Einkommensmangel in der Praxis präzisierte der KBV-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen den finanziellen Rettungsschirm, als er mit Vertretern nordrheinischer Berufsverbände zusammentraf. Wie der BvDU Nordrhein berichtet, soll es danach in diesem Jahr keine Kürzung der morbiditätsbedingten Gesamtvergütung geben. Für die Verhandlungen des MGV 2021 sollen nicht wie üblich die Leistungszahlen aus dem Vorjahr gelten, da diese durch die Corona-Krise verzerrt seien. „Die Umsatzverluste im PKV- und Selbstzahler-Bereich bleiben natürlich ohne Kompensation“, unterstreicht Stephan-Odenthal gegenüber UroForum. Der Spitzenverband der Fachärzte (SpiFa) habe deshalb auch schon einen Aufruf an die PKV-Kassenträger und an die Beihilfe gerichtet, sich an einem Rettungsschirm für die ambulante Versorgung zu beteiligen. „Das abgelaufene 1. Quartal 2020 wird im GKV-Bereich keine schweren Umsatzverluste bringen, weil die Fallzahlen zum Zeitpunkt des Beginns des öffentlichen Shutdown schon weitestgehend erfüllt waren“, so Stephan-Odenthal. Aufgrund des Zahlungs-Algorithmus würden damit die GKV-Umsätze bis Ende 2020 relativ stabil bleiben. Die weitere Entwicklung der GKV-Umsätze werde dann aber vor allem von den Fallzahlen ab dem Quartal 2/20 abhängig sein. Deshalb empfiehlt Stephan-Odenthal den nordrheinischen Urologen, die Umsätze auch unter den Corona-Bedingungen auf gleichem Niveau zu halten – bei Wahrung der Abstandsregeln in den Praxen natürlich. „Dies geht nur mit verstärkter Telefon- und Videosprechstunde. Die KBV hat dazu die Budgetierung der Videosprechstunden-Leistungen für die Quartale 1/20 und 2/20 aufgehoben.“ Auf einen Punkt weist der Urologe besonders hin: „Das Ablehnen eines vom Patienten gewünschten direkten Kontaktes ist aus kassenarztrechtlicher Sicht nicht zulässig.“

Kurzarbeitergeld ist an Voraussetzungen gebunden

Stephan-Odenthal weist auch auf die Möglichkeit hin, bei deutlicher Reduktion des Praxisbetriebs Kurzarbeit zu beantragen, um eine Entlassung von medizinischen Fachangestellten zu verhindern. Allerdings ist ein Antrag auf Kurzarbeit an Voraussetzungen gebunden. Zunächst müssen Überstunden und Urlaubsregelungen ausgenutzt werden, um vorübergehende Beschäftigungseinbrüche zu überbrücken. Daneben müsse der Beschäftigungseinbruch ausführlich begründet werden. „Da wir in den Praxen aber auch weiter Leistungen anbieten können und beispielsweise nicht auf Lieferketten für die Produktion angewiesen sind, ist eine Genehmigung von Kurzarbeit für Arztpraxen schwierig“, räumt Stephan-Odenthal ein. In Karlsruhe ist die Privatmedizin in diesen Tagen fast ein Totalausfall. In Baden-Württemberg hat die KV angekündigt, die EBM-Vorauszahlungen wie gewohnt zu leisten und unter dem Strich 90 % der Budget-Umsätze zu überweisen. Diese Regelung gilt zunächst für das erste Quartal 2020. „Ich denke auch, dass Budgetüberschreitungen in späteren Quartalen großzügig gehandhabt werden. Dann sind Nachholeffekte zu erwarten, weil Routine-oder Vorsorgetermine verstärkt stattfinden werden“, so Rug. Der BvDU betont vor allem, dass es keine Ausfälle in der kritischen Versorgung gibt. „Die urologischen Praxen und Kliniken in Deutschland setzen alles daran, die urologische Versorgung, insbesondere die Notfallversorgung, während der Corona-Pandemie aufrechtzuerhalten“, so BvDU-Präsident Dr. Axel Schroeder.

Szenenwechsel in die urologischen Kliniken: Seit Mitte März ist hier die Hölle los, weil eine Krisensitzung die nächste jagt. Reguläre Stationen werden komplett auf Corona-Betrieb umgestellt. 50 % des normalen Klinikbetriebs fallen aus, weil elektive Eingriffe abgesagt werden. Im Klinikum Leverkusen z. B. wurde die bisherige Privatstation zur normalen urologischen Station umfunktioniert. Die Pflegekräfte sind an vielen Stellen des Krankenhauses eingesetzt. Wie das Bundesministerium für Gesundheit mitgeteilt hat, erhalten die Krankenhäuser einen finanziellen Ausgleich für Corona-bedingte Einnahmeeinbußen. „Für jedes Bett, das dadurch im Zeitraum vom 16. März bis zum 30. September 2020 nicht belegt wird, erhalten die Krankenhäuser eine Pauschale in Höhe von 560 Euro pro Tag. Krankenhäuser erhalten einen Bonus in Höhe von 50.000 Euro für jedes zusätzliche Intensivbett“, teilte das BMG online mit. Die Krise hinterlässt ihre Spuren: Die Gesichter der betroffenen Ärzte und des Pflegepersonals sind vom Stress der vergangenen Wochen gezeichnet. Auf eine Patientengruppe weist die DGU besonders hin: elektive Patienten mit chronischen Erkrankungen. Mit einem Brandbrief an Gesundheitsminister Spahn schaffte es DGU-Generalsekretär Prof. Maurice-Stefan Michel sogar in die ARD-Tagesthemen, wo er sich vehement für diese „vergessenen Patienten“ einsetzte. „Längerfristige oder wiederholte Verschiebungen – in der Konsequenz zwei bis drei Monate – sind bei einer Reihe dieser Operationen medizinisch nicht vertretbar. Ein Stichwort symbolisch für solche Fälle ist: die Metastasierung eines Tumorleidens auf der Warteliste“, stellen Michel und DGU-Präsident Prof. Jens Rassweiler gemeinsam im Brief fest. Dies bedeute für den Patienten, dass sich ein initial heilbarer Tumor zu einer nur noch palliativ zu behandelnden, chronischen und lebensverkürzenden Erkrankung entwickeln könne.

DGU-Vorstand verabschiedete „Priorisierungsliste Urologie“

Als DGU-Antwort auf Szenarien der klinischen Überlastung durch Corona hat der Vorstand eine „Priorisierungsliste Urologie Version 2.0.“ ins Netz gestellt. Unterteilt in stationäre und ambulante Fälle schlägt die DGU eine Ampel-Rangfolge der Prioritäten vor. Die höchste Priorität „rot“ genießen dabei Notfälle wie Urosepsis, symptomatische, blutende Tumoren oder Harnverhalt, während Operationen bei Nierentumoren (< cT1b, < 4cm) oder radikale Prostatektomien bei Low-Risk-Prostatakarzinomen eine geringe Priorität haben und mit „grün“ gekennzeichnet sind.

(Bild: KBV)

Franz-Günter Runkel

Autor

Franz-Günter Runkel

Chefreporter UroForum

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