„Was wünschen sich denn Urogynäkologen, die Frauen im 60., 70. oder 80. Lebensjahr mit Prolaps und Inkontinenz behandeln, was wir vielleicht schon in der geburtshilflichen Phase der jungen Frau anders machen könnten?“,

Eine Ärztin erklärt den Beckenbodenaufbau anhand eines Modells. Einfache Rückbildungsgymnastik hilft nicht effektiv gegen Harninkontinenz.
Einfache Rückbildungsgymnastik hilft nicht effektiv gegen Harninkontinenz. (Bild: Adobe/Stock)

fragte PD Dr. med. Gert Naumann, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Helios Klinikum Erfurt, auf dem Fortbildungskongress 2021. Der Urogynäkologe erklärte: „Schwangerschaft und Entbindung haben einen nachweislichen Einfluss auf Beckenbodenintegrität und Beckenbodenfunktionen.“

Vorgeburtliche Einschätzung von Beckenbodenstörungen

Es sei wichtig, bereits präpartal geburtshilfliche Beckenbodenschäden zu vermeiden. Dazu gehört bereits vor Schwangerschaft und Geburt eine exakte Einschätzung von relevanten Beckenbodenstörungen. Außerdem sollten die Möglichkeiten für eine vaginale Entbindung geklärt und eine erweiterte Indikation zur Sectio nur bei Beckenbodenproblemen als Einzelfallentscheidung gestellt werden. Er legte seinen Kollegen den Internetrechner UR-CHOICE (>>zur Risikobewertung) ans Herz [3], mit dem sich der Risikoscore für Beckenbodenschäden für verschiedenen Konstellationen anzeigen lässt.

Einfache Rückbildungsgymnastik reicht nicht

Liegt ein erhöhtes Risiko vor, dann „reicht keine einfache Rückbildungsgymnastik“, mahnte er. Hier sei frühzeitiges Handeln extrem wichtig: z. B. mit Dammmassage, Phytotherapie und Beckenbodentraining bereits in der Schwangerschaft. Auch intrapartal gibt es viele Möglichkeiten für den Beckenbodenschutz: Dammschutz, aufrechte Gebärposition, Pressdrang folgen statt Power-Pressen, restriktiv die Episiotomie einsetzen, PDA, Wasserentbindung, exakte Versorgung aller geburtshilflichen Läsionen und vaginal-operative Entbindungen nur restriktiv einsetzen. „Extrem wichtig ist die kompetente gemeinsame Führung durch Arzt und Hebamme“, forderte Naumann.

Postpartal sei eine frühzeitige Zusammenarbeit mit Hebammen, Physiotherapeuten und niedergelassenen Gynäkologen nötig, aber auch eine Beckenbodenrehabilitation unmittelbar nach der Entbindung, die Versorgung der Rectusdiastase und die lokale Östrogenisierung in der Stillphase.

Das effektivste Mittel zur Reduktion der Harninkontinenz

Besonders empfahl er die Pessartherapie als vaginales Hilfsmittel. Er hält dieses passive Beckenbodentraining für eines der effektivsten Mittel, mit dem noch vor einem professionellen Beckenbodentraining nach circa acht Wochen begonnen werden sollte. Dazu führte er die gerade laufende Beckenboden-Rehabilitations-Studie (BREST) von Dr. Rainer Lange, Worms, an. Rückbildungsgymnastik und Physiotherapie zeigten bei den untersuchten Schwangeren nur geringe Effekte, während „das Einlegen eines adäquaten Pessars zu einer sofortigen 90%igen Reduktion der Harninkontinenz führte“, stellte Naumann die ersten Zwischenergebnisse vor.

Literatur:

  1. Keag OE et al. PLoS Med 2018; 15(1): e1002494
  2. S3-Leitlinie Sectio caesarea, AWMF-Registernummer 015–084 (Stand: Juni 2020); https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/015-084l_S3_Sectio-caesarea_2020-06_1_02.pdf
  3. Wilson D et al. Int Urogynecol J 2014; 25(11): 1449–52

Quelle: Veranstaltung „9. Hauptthema: Urogynäkologie“ am 06.03.2021 zum FOKO 2021

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