Meilensteine der Urologie

Das zehnjährige Bestehen von UroForum soll Anlass sein, in den zehn Ausgaben des Jubiläumsjahrs die größten Meilensteine der Urologie vorzustellen und so die Gegenwart vor dem Hintergrund der Medizingeschichte transparent werden zu lassen. Die ganz großen Entwicklungssprünge der modernen Urologie fanden bislang in der Medizintechnik statt, in den operativen Techniken am Urogenitaltrakt und im pharmazeutischen Fortschritt. Am Anfang des Fachs Urologie – und damit am Beginn unserer Reihe – steht die Endoskopie.

Die Grundidee zum Endoskop hatte bereits im Jahr 1806 der Frankfurter Arzt Phillip Bozzini, als er ein relativ unhandliches Instrument mit Kerzenbeleuchtung zum Blick in Harnröhre und Blase erfand. Die tatsächliche Revolution in der medizinischen Diagnostik und Therapie fand jedoch erst Jahrzehnte später statt und trägt einen Namen: Maximilian Nitze. Nach dem Abitur 1869 in Wernigerode entschloss sich Nitze zum Medizinstudium, das er in Heidelberg, Würzburg und Leipzig absolvierte. 1874 promovierte er und war von 1876 bis 1878 – zeitweise gemeinsam mit Felix Martin Oberländer – Assistent am Stadtkrankenhaus in Dresden.

Nitzes Faszination galt dem „anderen“ Blick in den Körper

Nitze faszinierte die Möglichkeit, in den menschlichen Körper und seine Hohlorgane hineinzusehen, ohne den Körper aufschneiden zu müssen. Wann immer er Zeit hatte, forschte er am neuen Blick ins Körperinnere. Natürlich kannte er Bozzinis Ur-Endoskop, wusste aber auch, dass zwei entscheidende Komponenten fehlten: genug Licht für gute Sicht und die optische Übertragung ins Auge des Betrachters.

Nitze fehlten die technischen Möglichkeiten, um Bozzinis Rohr mit Kerze in ein modernes medizinisches Instrument zu verwandeln. Immerhin kam er mit der Optik voran und entwickelte einen Blasenspiegel, den er 1877 an einer Leiche ausprobierte.

Schwieriger war die Beleuchtungsfrage, wie der Arbeitskreis Geschichte der Urologie im Standardwerk Urologie in Deutschland schreibt [1]. In Dresden fehlte nämlich die Möglichkeit zur technischen Umsetzung, aber in Wien fand Nitze schließlich 1878 die Lösung: den Instrumentenmacher Josef Leiter. Leiter verwendete als Lichtquelle einen Platinglühdraht, der abgedeckt in die Blase eingeführt und mit Wasser gekühlt wurde. Am 9. Mai 1879 demonstrierte Nitze sein elektrisch beleuchtetes Urethro- und Zystoskop erstmals auf einer Sitzung der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Nachdem Leiter 1886 seine Instrumente mit kleinen Kohlefadenglühlampen ausgestattet hatte, waren die Zystoskope weniger störanfällig. Edisons Mignonlampe verbesserte die Beleuchtung weiter [1].

1880 ließ sich Maximilian Nitze als Arzt für Harn- und Blasenkrankheiten in Berlin nieder und beteiligte sich weiterhin an der technischen Verbesserung der Blasenspiegel. In Zusammenarbeit mit Berliner Instrumentenmachern entwickelte er 1891 das erste Operationszystoskop. Sein Lehrbuch der Kystoskopie von 1889 und sein Kystophotographischer Atlas (1894) bildeten die Grundlagen für die Weiterentwicklung des neuen Fachgebiets. „1896 regte Nitze die Gründung einer Deutschen Gesellschaft für Urologie an (…) 1906 fand der erste DGU-Kongress unter der Präsidentschaft von Anton Ritter von Frisch in Wien statt“, berichtet der DGU-Arbeitskreis [2].

Das Nitze-Leiter-Endoskop mit der Beleuchtung von Josef Leiter, Wien. (Bild: Nitze-Leiter-Forschungsgesellschaft für Endoskopie, Wien)

Zur Sondierung der Harnleiter aufwärts bis zu den Nieren entwickelte Joaquin Albarrám 1897 in Paris ein spezielles Zystoskop mit mechanisch abwinkelbarer Spitze. Aus der initialen Endoskopie entstanden Urethrozystoskopie, Ureterorenoskopie, perkutane Nephroskopie, perkutane Zystoskopie sowie später die Laparoskopie bis zu ihren roboterassistierten Formen der Gegenwart.

Nitzes Schüler Otto Ringleb erkannte die Schwächen der Nitze-Zystoskopie:

  • mangelhafte Lichtleistung,
  • unbefriedigende Vergrößerung,
  • spiegelverkehrte Wiedergabe.

1908 entwickelte Ringleb deshalb ein neues System. Der DGU-Arbeitskreis zitiert Ringleb dazu: „Neben der Orientierung, die mit den Nitze-Optiken angestrebt wurden, dienen die neuen Systeme auch der Verdeutlichung, das heißt der Gesichtswinkel wird merklich vergrößert. Außerdem vermitteln sie erstmals ein aufrechtes, seitenrichtiges Bild durch mehrfache Umkehrung des Objektbildes und eine Steigerung der Helligkeit durch einen größeren Durchmesser der Eintrittspupille“ [2].

Ringleb vergrößerte das Bild und stellte es seitenrichtig

Ringleb schuf den Standard eines modernen Zystoskops. Auf dieser Basis erfolgten weitere technische Entwicklungen wie die retrograde Zystoskopie „mit Rückspiegel“, die Stereophotozystoskopie, Ureterzystoskope, flexible Zystoskope sowie rigide und flexible Ureterorenoskope.

Ein logischer Schritt war die Fortentwicklung der endoskopischen Diagnostik zur Therapie von Blase und Prostata im 20. Jahrhundert. Die Endourologie war geboren. Der New Yorker Edwin Beer begründete gemeinsam mit anderen die Elektrochirurgie der Blase. „Beer leitete die Wende zum Urethrozystoskop als bevorzugtes Blasentumor-Operationszystoskop ein“, hebt der DGU-Arbeitskreis hervor [3].

Elektrische Hochfrequenzfunken, an der Spitze eines Zystoskops erzeugt, verbrennen und verdampfen das maligne Gewebe in der Blase. Die sogenannte „Fulguration mit Oudin-Strom“ war geboren. Beer benutzte ein doppelläufiges Nitze-Zystoskop. Ein sechsadriger Kupferdraht mit Gummi-Isolierung diente als Elektrode, so der DGU-Arbeitskreis [3]. Wurde Strom anfangs nur zu Beleuchtungszwecken genutzt, gewann er jetzt auch therapeutische Bedeutung.

Transurethrale Resektoskope sind heute Standard für Prostata und Blase. (Bild: karlstorz.com)

Transurethrale Resektionen von Harnblase und Prostata

„Die transurethrale Resektion hat trotz starker Opposition der Chirurgen die bisherigen Operationsverfahren bei Blasentumoren im Laufe der Jahrzehnte fast vollständig verdrängt“ [4]. Ab den 1930er-Jahren löste die transurethrale Elektroresektion der Blase (TURB) sukzessive die klassische Elektrokoagulation ab. Heute sind die Elektroresektion mit Niederdruck und Rückspülresektoskop mit Sicherheitsreserven und TV-Monitor allgemeine Standards der operativen Therapie oberflächlicher Urotheltumoren der Blase, so der Arbeitskreis [5].

Was für die Blase gilt, trifft noch stärker für die Prostata zu. Nach der Demonstration einer transurethralen Elektroresektion bei einer Prostatahyperplasie durch Maximilian Stern 1927 in Berlin stellten Joseph F. McCarthy und der deutsche Immigrant und Feinmechaniker Richard Wappler in den USA ein technisch verbessertes Resektoskop vor. In Deutschland wurden 1932 zwei neue Resektoskope gebaut: ein variierter Nachbau des Geräts von Stern und McCarthy durch die Firma Georg Wolf in Berlin sowie das Instrument von Lichtenbergs und der Firma Heynemann in Leipzig.

Die transurethrale Resektion der Prostata (TURP) zur Behandlung der Benignen Prostatahyperplasie und teilweise des Prostatakarzinoms gewann in den 30er-Jahren an klinischer Bedeutung, ohne allerdings den Durchbruch zu schaffen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die TURP-Technik weiter verbessert und in den 1960er-Jahren entwickelte die Hamburger Firma Winter und Ibe ein Kaltlicht- oder Dauerspülresektoskop [6]. In den 70er-Jahren wurden Doppelschaftinstrumente zur Dauerspülung unter kontrolliertem Spülwasserdruck entwickelt. Technische Weiterentwicklungen wie die Videotechnik folgten und Firmen wie Karl Storz, Richard Wolf und Olympus erzielten Weltgeltung durch die Produktion endoskopischer Medizintechnik.

Die Erfindung der Endoskopie war endgültig ein Meilenstein der modernen Urologie geworden.

Literatur
  1. DGU-Arbeitskreis Geschichte der Urologie, Urologie in Deutschland – Bilanz und Perspektiven, 2007, S. 162 f.
  2. Ebd., S. 161.
  3. Ebd., S. 178.
  4. Ebd., S. 179.
  5. Ebd., S. 182.
  6. Ebd., S. 189.

(Titelbild: karlstorz.com)

Franz-Günter Runkel

Chefreporter UroForum

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