Praxis & Klinik

Mit diesem Beitrag setzen wir die Reihe zur Digitalisierung des Gesundheitswesens fort. In lockerer Folge sollen darin folgende Themen behandelt werden:

  1. Elektronische Patientenakte: Übergreifende Dokumentation der Krankheitsgeschichte
  2. Elektronisches Rezept und eArztbrief
  3. Elektronischer Medikationsplan und Notfalldatenmanagement
  4. Videosprechstunden und Telekonsile
  5. Datenschutz: Sind sensible Datenwirklich sicher?

Das elektronische Rezept (eRezept) und der elektronische Arztbrief (eArztbrief) sind wichtige Bausteine des neuen digitalen Gesundheitswesens, das Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und die Politik auf den Weg gebracht haben, um die drohenden Versorgungslücken auf dem Land und in strukturschwachen Regionen zu schließen.

In den Modellregionen Stuttgart und Tuttlingen kam GERDA am 1. November – schnell und elektronisch. Das Akronym steht für „geschützter E-Rezept-Dienst der Apotheken“ und ermöglicht es Patienten, digitale Arzneirezepte aus der analogen oder der virtuellen Sprechstunde des Urologen in der Apotheke einzulösen. Dem regionalen Projekt soll die bundesweite Anwendung folgen. Das eRezept ist ein Schlüsselelement des Digitale-Versorgung-Gesetzes, das der Bundestag gerade verabschiedet hat. Bis September 2020 muss jeder Urologe ohnehin mithilfe der Telematikinfrastruktur eine digitale Versorgung anbieten, andernfalls drohen finanzielle Strafen.

Gegen die „Amazonisierung“ der Gesundheitsversorgung

Das politische Ziel besteht darin, den Patienten vor einer „Amazonisierung des Gesundheitswesens“ zu schützen, so der Fernsehsender ZDF. Offensichtlich hegt die Politik die Befürchtung, dass Gesundheitsdaten und Verordnungen von Patienten zur Handelsware werden. Der Landesapothekerverband Baden-Württemberg wiederum will die wohnortnahe reale Arzneimittelversorgung durch GERDA auch in der digitalen Welt abbilden.

Das Modellprojekt wird mit der telemedizinischen Behandlungsplattform docdirekt der KV Baden-Württemberg gemeinsam realisiert. Die Patienten laden die App docdirekt herunter, registrieren sich mit einem eigenen Account und starten in der Telemedizin. Nach Behandlung wird das eRezept verschlüsselt in der App angezeigt. GERDA ist dabei der Rezeptspeicher, zu dem Arzt, Apotheker und Patient Zugang haben.

Die Digitalisierung der Arzt-Patienten-Beziehung nimmt Fahrt auf. Video-Sprechstunden, elektronische Rezepte und elektronische Arztbriefe gehören dazu. (Bild: digital@bw / Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg)

Modellprojekt GERDA läuft seit 1. November

Das baden-württembergische Sozialministerium hat GERDA mit rund 1 Mio. Euro gefördert. Für die technische Umsetzung zeichnet die Netzgesellschaft Deutscher Apotheker mbh (NGDA) verantwortlich. Die Teleclinic der KV Baden-Württemberg hat docdirect sowie die ärztliche Schnittstelle zur Umsetzung des eRezepts aufgesetzt.

Entworfen wurde das GERDA-Gesamtkonzept ursprünglich vom Bundesverband Deutscher Apotheken-Softwarehäuser (ADAS) und dem Bundesverband Deutscher Apothekenrechenzentren (VDARZ), die es schließlich der Gesellschaft für Telematikanwendungen (Gematik) vorschlugen. Landesapothekerkammer und Landesapothekerverband Baden-Württemberg haben dann eine Art Rezept-Cloud eingerichtet, die die Funktion eines „Fachdiensts Rezeptspeicher“ erfüllt und die den Namen GERDA erhalten hat.

Den Initiatoren war wichtig, dass der Patient Herr über seine Daten bleibt. Der Patient erhält kein ausgedrucktes Arzneirezept mehr, sondern eine elektronische Signatur bzw. einen QR-Code, der z. B. in der App docdirect abgelegt ist. Der Apotheker benutzt den vom Patienten mitgebrachten Schlüssel oder scannt den QR-Code, sieht die Verordnung dann in der Apothekensoftware und kann das passende Arzneimittel aushändigen. Auf dem Server ändert sich der Status des eRezepts: Es gilt als ausgeliefert.

Die Apotheke übermittelt die Verordnung digital an das Rechenzentrum, von dort gelangt es weiter zur Krankenkasse. Die Apotheken selbst verfügen über eine weitere Verschlüsselung – das sogenannte N-Ident-Verfahren. Dabei handelt es sich um einen digitalen Ausweis, mit dessen Hilfe sich Apotheken ausweisen können.

Checkliste eRezept
  • Verfügt der Patient über die App docdirect und hat er sich dort mit einem eigenen Account registriert?
  • Ist die Telematikinfrastruktur einsatzbereit, um das eRezept servergestützt zum Patienten und dann zum Apotheker zu verschicken?
  • Sind digitale Signatur und Ablage im Rezeptfachdienst GERDA möglich?
  • Hat der Patient den digitalen Schlüssel zur Einlösung des eRezepts erhalten?

Virtuelles privates Netzwerk für den eArztbrief-Versand nötig

Das zweite praktische Behandlungstool neben dem eRezept ist der eArztbrief, den es schon etwas länger gibt und der nun mehr Bedeutung im Zusammenspiel der elektronischen Vernetzung erhält. Er umfasst Befunde, Diagnosen, Therapieempfehlungen sowie Behandlungsberichte und soll dem gezielten Informationsaustausch über das Krankheitsgeschehen eines Versicherten zwischen den mit- oder weiterbehandelnden Ärzten dienen. Die elektronische Gesundheitskarte muss laut gesetzlicher Vorgabe technisch in der Lage sein, den eArztbrief zu unterstützen.

Der Urologe kann eArztbriefe direkt aus seinem Praxisverwaltungssystem (PVS) heraus versenden und empfangen. Schon das E-Health-Gesetz sah dafür nach Darstellung der KBV eine besondere Förderung vor: Seit 2017 erhielten Ärzte für den Versand und Empfang eines eArztbriefs eine Pauschale von 55 Cent. Voraussetzung war, dass die Übertragung sicher erfolgte und der Papierversand entfiel. Urologen benötigten für den Versand den elektronischen Heilberufsausweis (eHBA), um damit qualifizier-te elektronische Signaturen (QES) erstellen zu können.

Sobald die Telematikinfrastruktur (TI) in Betrieb ist, werden eArztbriefe nur noch dann vergütet, wenn sie mit einem Kommunikationsdienst der TI verschickt werden, schreibt die KBV.

Checkliste eArztbrief
  • Verfügt der Patient über eine elektronische Gesundheitskarte?
  • Hat der Urologe einen elektronischen Heilberufsausweis, mit dem eine qualifizierte elektronische Signatur erstellt werden kann?
  • Ist das Praxisverwaltungssystem für den eArztbrief-Versand zertifiziert?
  • Steht ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) zur Verfügung?
  • Ist eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung gewährleistet?

Voraussetzungen für den Versand der eArztbriefe

Für den Versand und den Empfang der eArztbriefe muss ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) verwendet werden. Ein solches Netzwerk ist z. B. das Sichere Netz der Kassenärztlichen Vereinigungen. Zudem ist ein Praxisverwaltungssystem notwendig, das durch die KBV für den eArztbrief zertifiziert ist.

„Besondere Sicherheitsanforderungen werden auch an den Kommunikationsdienst zur Übermittlung der Briefe gestellt. Er muss unter anderem eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung der Nachricht sowie die eindeutige Identifizierung von Absender und Empfänger gewährleisten“, so die KBV. Diese Voraussetzungen erfüllen beispielsweise der Kommunikationsdienst KV-Connect oder der in Schleswig-Holstein zur Verfügung stehende E-Mail-Dienst KV-SafeMail.

Zum Versenden von eArztbriefen benötigen Urologen einen eHBA. Der Ausweis wird für die Identifizierung des Inhabers im elektronischen Netz benötigt. Mit ihm kann auch eine rechtssichere elektronische Unterschrift erstellt werden: die qualifizierte elektronische Signatur.

Mit der elektronischen Patientenakte (s. UroForum 11/2019, S.52– 53), dem eRezept sowie dem eArztbrief werden drei Säulen der Kommunikation zwischen Ärzten, Patienten und Apothekern digitalisiert. Die Telematikinfrastruktur ist dabei der Daten-Highway, der den schnellen Austausch der Informationen erst ermöglicht.

Franz-Günter Runkel

Chefreporter UroForum

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