Uro-Geriatrie

Neue Lösungen für alte urologische Probleme: Blut im Urin, Schmerzen beim Wasserlassen oder Schließmuskelprobleme sind insbesondere im hohen Alter medizinisch abzuklären. „Manchmal lässt sich ein Harnwegsproblem mit gezielter Physiotherapie beheben – bei einem Teil der Fälle liegt aber eine Tumorerkrankung vor, die sofort behandelt werden muss“, erklärt Professor Andres Wiedemann, Chefarzt für Urologie am Evangelischen Krankenhaus Witten. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse helfen jetzt dabei, noch gezielter zu therapieren und Medikamente besser abzustimmen. Darüber hinaus kann auch die Lebensqualität der Betroffenen gesteigert werden.

Uro-Geriatrie
Uro-Geriatrie: Urologie und Geriatrie müssen enger zusammenarbeiten, meint Professor Andreas Wiedemann. (Foto © Evangelisches Krankenhaus Witten)

Wiedemann setzt sich dafür ein, dass sich Urologie und Geriatrie enger verzahnen. In Notfällen sollen die Expertinnen und Experten in sogenannten Kontinenz-Boards zusammenarbeiten. Was Geriaterinnen und Geriater grundsätzlich von der Urologie wissen müssen, berichtet der Mediziner in seiner Keynote-Lecture. Diese findet beim Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) statt. Der Kongress ist vom 12. bis 15. September in Frankfurt am Main.

Uro-Geriatrie

Wiedemann sieht sich als einer der ersten Uro-Geriater in Deutschland. Mit seiner Professur an der Universität Witten/Herdecke vereint er das Wissen aus zwei medizinischen Welten: Wiedemann forscht und lehrt zu vielfältigen Themen an der Schnittstelle von Urologie und Geriatrie. Zuletzt untersuchten er und sein uro-geriatrisches Team die Lebensqualität von Menschen, die lebenslang einen Katheter tragen müssen. „Anders als erwartet haben wir herausgefunden, dass fast alle Betroffenen kaum einen Unterschied zwischen einem Harnröhren- und einem Bauchdeckenkatheter ausmachen“, so Wiedemann. Viele Mediziner waren bisher davon ausgegangen, dass ein Bauchdeckenkatheter eine bessere Lebensqualität mit sich bringt. Das sei nicht der Fall.

„Zwar entscheiden sich Frauen eher gegen die Bauchdecken-Variante, weil einige Betroffene weiterhin Urin verlieren und durch Schließmuskelprobleme untenherum nass werden. Aber es gibt auch unter den Untersuchungsteilnehmerinnen keine eindeutige Präferenz“. Die Wissenschaftler haben bei 427 Probanden geschaut, wie sich beispielsweise das Leben mit Blasenkatheter hinsichtlich folgender Parameter entwickelt:

  • Wohlbefinden
  • Hautirritationen
  • Geruch
  • Nässe
  • Infektionen
  • Sexualität
  • Sturzgefährdung insbesondere bei älteren Patientinnen und Patienten

Es war keine zusätzliche Gefährdung und keine ausgeprägte Beeinträchtigung festzustellen, die für oder gegen eine bestimmte Katheter-Variante spricht. Gleiches gilt für Katheter mit zusätzlichem Auslassventil: „Wir dachten immer, unseren Patientinnen und Patienten damit etwas Gutes zu tun. Tatsächlich gibt es durch diese Ventilversorgung keinen nennenswerten Vorteil in puncto Lebensqualität“, erklärt Wiedemann.

Neue Erkenntnisse: ISAR-Screening, Sturzrisiken und Makrohämaturie

Darüber hinaus gibt es neue Erkenntnisse über die Häufigkeit von Tumorerkrankungen der Harnorgane. „Wir haben 300 älteren Patientinnen und Patienten mit Blut im Urin sowie mindestens zwei weiteren Risikofaktoren wie Multimorbidität und kognitiven Einschränkungen untersucht. Bei jedem vierten von ihnen konnten wir einen Tumor erkennen“, erklärt Wiedemann. „Das sind wichtige Anhaltspunkte für die zukünftige medizinische Versorgung.“ Grundlage zur Erkennung dieser Risikofaktoren ist das sogenannte ISAR-Screening (Identification of Seniors at risk) an dem das Team von Andreas Wiedemann forscht. Dabei geht es um einen Fragebogen, der darüber Auskunft gibt, ob betroffene hochaltrige Patientinnen und Patienten bei der Krankenhausentlassung zusätzliche Hilfe benötigen. Hier werden fortlaufend Daten ausgewertet zu der Frage, welche Aussagen dieses geriatrische Assessment für die urologische Praxis hat. „Wir haben hier Zusammenhänge zwischen Makrohämaturie und Hilfebedarf belegen können. Nun geht es uns noch darum, zu erkennen, wie und wann es zum Blut im Urin kommt und welche Rolle blutverdünnende Mittel dabei spielen“, sagt Wiedemann.

Ausgezeichnete Arbeit: Nebenwirkungen von Medikamenten gegen Harninkontinenz

Von der Deutschen Kontinenz Gesellschaft ausgezeichnet wurde Andreas Wiedemann zudem bereits im Rahmen eines Projektes, bei dem er die Nebenwirkungen von Medikamenten gegen Harninkontinenz bei 1.000 ambulant urologischen Patientinnen und Patienten untersucht hat (UroForum berichtete darüber, >>zum Artikel).

Sein Ergebnis: 11,75 % dieser Patientinnen und Patienten besaßen schon eine relevante „anticholinerge Last“ und müssen schon vor der Gabe eines urologischen Anticholinergikums als gefährdet im Hinblick auf Konzentrationsstörungen, Schlafprobleme, Schwindel und Sturzgefahr gelten – eine wichtige Information zur adäquaten Behandlung der urologisch-geriatrischen Patientinnen und Patienten. Auf Basis dieser Ergebnisse hat das Team um Wiedemann an der Universität Witten/Herdecke den sogenannten Wittener Harntrakt-Nebenwirkungsrechner aufgebaut. Eine einfache Web-Anwendung, mit der die Nebenwirkungen von aktuell rund 170 Medikamenten ausgewertet werden, die Auswirkungen auf die Harntrakt-Behandlung haben. „Insbesondere bei der Multimedikation geriatrischer Patientinnen und Patienten ist das eine wichtige Unterstützung. Aufgeführt sind hier Schmerzmittel genauso wie Antidepressiva oder augenärztliche Medikamente“, erklärt Wiedemann. Über seine Erfahrungen und den Nutzen dieser Anwendung wird er ebenfalls im Rahmen seiner Kongress-Keynote in Frankfurt am Main eingehen.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) (>>zur Pressemitteilung)

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