UrofForum-Arzt-Patienten-Kommunikation

Fragen im Arzt-Patienten-Gespräch sind ein wichtiger Schlüssel in der Diagnosestellung. Sie sind zugleich ein wesentliches dialogisches Mittel der patientenorientierten Gesprächsführung. Umso bedeutsamer ist es, sich mit den Möglichkeiten und Fallstricken verschiedener Fragetechniken auseinanderzusetzen. Nur dann können sie zielführend und situationsangemessen eingesetzt werden.

Um einen, vor allem zeitlich effizienten Informationsgewinn zu gewährleisten, wird häufig auch auf Frageroutinen zurückgegriffen, deren Beherrschung als Teil des ärztlichen Fachwissens gedeutet werden kann.

Musterförmige Konversation oder dialogische Struktur?

Als Arzt lernen Sie bereits in der Ausbildung, zielgerichtet nach Symptomen und Ursachen zu forschen. In der klinischen und ambulanten Routine folgen viele Ärzte einem sowohl inhaltlich (Was muss ich wissen?) als auch organisatorisch (Wie muss ich fragen?) streng geregelten Ablauf, um an diese Informationen zu gelangen [1]. Nicht das freie und offene Gespräch, sondern die rasche und gerichtete Durchführung der Anamnese steht im Vordergrund.

Kommunikation, die rein aus normierten Frage-Antwort-Sequenzen besteht, vor allem durch geschlossene Fragen, die mit Ja oder Nein beantwortet werden müssen, schränkt jedoch die sprachlichen Handlungsmöglichkeiten des Patienten ein und ist kritisch zu bewerten. Offene Fragen, die dem Patienten Spielraum im eigenen sprachlichen Handeln einräumen, fördern den Kommunikationsprozess und sind für die medizinische Kommunikation von Bedeutung.

Fragesatz und Fragehandlung im Patientengespräch

Auch wenn es paradox klingt: Man kann etwas fragen ohne zu fragen und man kann etwas fragen, ohne eine Frage zu stellen. Dieser Umstand ist im Unterschied zwischen Fragesatz und Fragehandlung begründet. Nicht jeder Fragesatz drückt auch eine Frage aus. Der Arzt kann auf diese Weise etwas erfragen, das nicht in der Frage selbst, sondern im weiteren Gesprächszusammenhang angelegt ist. Fragesatz und Fragehandlung sind dabei entkoppelt.

Die Unterscheidung zwischen Fragesatz und Fragehandlung ist nicht nur für Ihr eigenes sprachliches Handeln wichtig, sondern auch notwendig, um Patientenfragen richtig zu verstehen. Ein Patient mit einer chronischen Erkrankung, der den Arzt fragt „Ach Herr/Frau Doktor, wer will schon ewig leben?“ vermittelt eine ganz bestimmte Botschaft: Er sagt etwas über seine persönliche Einstellung zum Leben im Allgemeinen und zum eigenen Krankheitsempfinden aus. Eine Frage stellt er aber nicht.

Solche rhetorischen Fragen können auch vom Arzt eingesetzt werden, um einen Behandlungserfolg zu verstärken, der auf dem Plazebo-Effekt basiert. So sind Fragen wie „Fühlt sich das nicht schon deutlich besser an?“ suggestiv und können das Gesundheitsempfinden des Patienten weiter befördern. Selbstverständlich handelt es sich dabei um persuasive sprachliche Handlungen, die den Patienten in die Irre führen bzw. in eine bestimmte Richtung lenken sollen. Dies ist aber in vielen Fällen weit unkritischer, als es sich zunächst anhört: Bei einem Patienten, der somatisch ohne Befund und dessen Hauptproblem auf der psychisch-emotionalen Ebene zu vermuten ist, sind solche kombinierten Plazebo-Rhetorik-Handlungen unkritisch und hilfreich.

Offene Fragen regen die Kommunikation an

Entscheidend für den kommunikativen Erfolg ist übrigens nicht, wie viele Fragen der Arzt dem Patienten stellt, sondern vor allem, wie er fragt. Die Art des Fragens hat gewichtigen Einfluss darauf, ob das Arzt-Patienten-Gespräch dialogisch verläuft – das heißt, ob es ein Austausch ist oder dem Patienten eher wie ein Verhör erscheint.

Ist der Redeanteil des Arztes sehr hoch und der Patient fühlt sich in der Rolle des Fragenbeantworters, so wird er häufig nur knappe Antworten geben und dadurch vielleicht auch unbeabsichtigt wichtige Informationen vorenthalten. Daher empfiehlt es sich,möglichst viele offene Fragen im Arzt-Patienten-Gespräch zu stellen, insbesondere in der Eröffnungsphase. Durch die Formulierung offener Fragen wird der Patient zum Reden angeregt – mit dem positiven Effekt, dass viele ansonsten verborgen gebliebene Botschaften zum Vorschein kommen.

Allerdings ist auch beim Gebrauch offener Fragen Fingerspitzengefühl gefragt. Auch diese dürfen nicht allzu weit formuliert sein. Wenn der Arzt beispielsweise die Frage zu allgemein stellt „Was hat sich seit unserem letzten Termin getan?“, kann es gut sein, dass unwichtige Inhalte kommuniziert werden.

Dieselbe Frage mit einem Zusatz hingegen ist offen genug, um dem Patienten ein Maximum an Redefreiheit zu lassen, und geschlossen genug, um zielführend zu sein. Sie könnte also lauten: „Was hat sich seit unserem letzten Termin bei Ihren Rückenschmerzen getan?“ Es geht also ausdrücklich nicht darum, dem Patienten einfach nur zuzuhören, sondern auch das Gespräch mit Fragen zu lenken, ohne dabei jedoch die sprachlichen Handlungsmöglichkeiten des Patienten einzuschränken. Denn eben diese Handlungsmöglichkeiten erlauben es dem Patienten, mündig zu sein. In diesem Zusammenhang haben Fragen einen wesentlichen Einfluss auf die Adhärenz.

Geschlossene Fragen bringen das Gespräch nicht weiter

Geschlossene Fragen, also Fragen, die sich mit Ja oder Nein beantworten lassen, sind nur in seltenen Fällen – etwa Notfallsituationen – wirklich zielführend. Viel hilfreicher sind in der Arzt-Patienten-Kommunikation allgemein offene Fragen. Die berühmtesten sind wohl die W-Fragen, etwa: wann, wo, wie oft, warum, was, wogegen. Nahezu jede geschlossene Frage lässt sich auch offen formulieren. So kann die Frage „Haben Sie Schmerzen?“ auch als „Wie sieht es denn bei Ihnen mit den Schmerzen aus?“ gestellt werden. Jedoch sind W-Fragen kein kommunikatives Allheilmittel. Auch andere Formen offener Fragen sind zielführend: Die Frage „Möchten Sie noch etwas über diese Therapie wissen?“ ist wesentlich gesprächsoffener und wird als angenehmer empfunden als die inhaltlich kongruente Frage „Was möchten Sie noch über die Therapie wissen?“

Gute und situationsangepasste Fragen sind der Erfolgsschlüssel

Offene Fragen sind also der beste Weg zu einem dialogischen Austausch zwischen Arzt und Patient, der sowohl dem Arzt die nötigen Informationen beschafft als auch dem Patienten das Gefühl gibt, ernst genommen zu werden.

Ein Aspekt sollte betont werden: Gute und situationsangemessene Fragen tragen in entscheidendem Maß zum Behandlungserfolg bei und sind der Schlüssel zu der Patientenperspektive (UroForum, 12/19, S. 54).

Die Checkliste

  • Können Sie geschlossene Fragen im Arzt-Patienten-Gespräch vermeiden?
  • Geben Sie dem Patienten ausreichend Spielraum, indem Sie viele offene Fragen stellen?
  • Verstehen Sie Fragehandlungen, die nicht als Fragesatz formuliert sind?
  • Nutzen Sie rhetorische Fragen bei psychisch bedingten Befunden?
  • Erreichen Sie eine offene Dialogsituation im Gespräch?

Literatur

  1. S. Bechmann.Medizinische Kommunikation–Grundlagen der ärztlichen Gesprächsführung, Tübingen 2014, 181-193
Dr. phil. Sascha Bechmann

Autor

Dr. phil. Sascha Bechmann

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
sbechmann@phil.uni-duesseldorf.de

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