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Die vierwöchige Zystoskopie-Kampagne des BvDU hat den Bewertungsausschuss von KBV und GKV-Spitzenverband dazu bewegt, die Zystoskopie des Mannes (GOP 26310) ab 1. April 2020 um 306 Punkte oder gut 33 Euro besser zu bezahlen als bislang. Bei der Zystoskopie der Frau (GOP 26311) sind es allerdings nur 12 Punkte oder 1,30 Euro pro Fall. Das eigentliche Hygiene-Thema haben die Kassen bislang aber blockiert – und so wird 2020 die Fortsetzung im Ringen um angemessene Vergütungen folgen.

„Ihr tut ja doch nichts“, zitiert der erste BvDU-Vizepräsident Dr. Holger Uhthoff viele kritische Stimmen der urologischen Basis. Aber jetzt gibt es aus Verbandssicht wirklich einmal etwas Greifbares: „Dieser Zuschlag bedeutet, dass zumindest die Innovation des flexiblen Zystoskops ein wenig im EBM abgebildet ist.“

Urologen verloren 2018 100 Mio. Euro in der Zystoskopie

Dicke Bretter mussten die Initiatoren der Kampagne, Uhthoff und der hessische BvDU-Landesvorsitzende Dr. Peter Kollenbach, im Verband und an der Basis bohren, bis der Entschluss zum Zystoskopie-Streik auf Zeit gefallen war. Dabei war das Thema dringlich. Allein 2018 verloren die niedergelassenen Urologen rund 100 Mio. Euro bundesweit an der Leistungsvergütung und den Kosten der Hygiene-Aufbereitung der Zystoskopie in der Kategorie „semikritisch B“. Das Institut des Bewertungsausschusses (InBA) wird jetzt im Auftrag der KBV im ersten Halbjahr 2020 eine Umfrage zu den Hygienekosten organisieren. Es bleibt aber abzuwarten, ob sich die Krankenkassen davon beeindrucken lassen werden.

Einstweilen freut sich Uhthoff über einen ersten Erfolg: „Bei 10,82 Cent Punktwert in Rheinland-Pfalz erhalten die Urologen ab 1. April im neuen EBM 2020  für die männliche Zystoskopie 33,12 Euro und für die weibliche 1,30 Euro pro Fall und Quartal mehr. Auf der Berechnungsgrundlage des zweiten Quartals 2019 bedeutet der jetzige Honorarzuschlag für die Zystoskopie beispielsweise für unser MVZ, dass wir etwa 4.700 Euro mehr Umsatz haben werden. Ohne die Veränderung hätten wir lediglich einen zusätzlichen Umsatz von 360 Euro gehabt. Es ist also ein erster Erfolg.“

Wenn es nach Uhthoff und der BvDU-Spitze geht, bleibt das Thema auch  in diesem Jahr virulent, denn dann steht die Anpassung der eigentlichen Hygienekosten auf der Tagesordnung. Aber: „Bis die Auswertung der InBA-Umfrage vorliegt, werden mindestens 6 bis 12 Monate vergehen, also finanzieren die Urologen wieder bis zu 100 Mio. Euro Hygienekosten im Jahr 2020 vorab. Sobald die Sachkostenpauschalen und damit auch die Hygienevergütung feststehen, müssen wir diese Kosten rückwirkend zum Stichtag 1. Januar 2020 von den Krankenkassen zurückfordern. Dies gilt, wenn die Kassen aufgrund der Überprüfung unserer Kostenkalkulation erst später mit der Finanzierung der Hygienekosten für die Zystoskopie beginnen.“

Nächste BvDU-Baustelle: die Prostata-Biopsie

Demnächst wird  der Berufsverband die nächste Baustelle eröffnen: die Prostata-Biopsie. Zuletzt wurde sie im EBM deutlich abgewertet. 2019 brachte eine Prostata-Biopsie der urologischen Praxis 187 Punkte oder 20,24 Euro, 2020 werden es nur noch 171 Punkte bzw. 18,51 Euro sein, so Uhthoff. Parallel dazu sind aber die Hygieneanforderungen in der Praxis auch für diese Leistung gestiegen.

In verschiedenen KV-Bereichen zeichnet sich eine Hochstufung in der Hygiene auf „kritisch B“ ab. Die Einmal-Führungshülsen müssen die Urologen ohnehin aus eigener Tasche zahlen. „Allein die Materialkosten der Prostata-Biopsie übersteigen heute bereits die aktuelle Vergütung. Und selbst dieses Honorar wird nun 2020 noch mal abgewertet. Das geht gar nicht!“, macht Uhthoff klar.

Für den BvDU war die Zystoskopie-Aktion lehrreich, denn die Kampagnenfähigkeit verlieh große Schlagkraft: „Die Leute haben sich bewegt und es wurde ein Ergebnis erzielt. Ich schätze, dass sich etwa jede zweite urologische Praxis an der Kampagne beteiligt hat.“ Die Aktion kam überall da gut an, wo Verbandsfunktionäre die Werbetrommel rührten.

Der schleswig-holsteinische BvDU-Landesvorsitzende Dr. Thomas Quack sieht in der Honorarverbesserung einen ersten positiven Schritt der Entscheidungsträger, dem nun aber weitere Schritte in Richtung einer realistischen kostendeckenden Finanzierung der Hygiene für die Zystoskopie folgen müssten: „Unter dem Strich ist die Honorar-Verbesserung ein positives Zeichen, aber stellt uns natürlich noch nicht zufrieden.“ Die Solidarität im Norden sei beeindruckend gewesen. Positiv sei, dass die Fachgruppe im Bewertungsausschuss Gehör gefunden und etwas erreicht hätte. Unbefriedigend sei die Honorierung der Zystoskopie der Frau, obwohl die Hygienekosten identisch sind.

Reaktionen der Patienten waren überraschend positiv

Das heikelste Kapitel der Kampagne waren sicher die Protestbriefe der Patienten. Hier gab es viel Fracksausen bei den Urologen, denn die Reaktion der Patienten war unkalkulierbar. „Die Patienten haben sehr positiv auf unseren Zystoskopie-Verzicht reagiert“, berichtet Quack und registrierte „viel Verständnis“. Es habe „eigentlich niemanden“ gegeben, der beleidigt oder aggressiv auf den Streik reagiert hätte.

Allerdings waren nicht alle Urologen begeistert von der Zystoskopie-Kampagne. In der DGU-nahen Kolumne Echt Bühmann reagierte der ehemalige BvDU-Funktionär Dr. Wolfgang Bühmann (Landesvorsitzender Niedersachsen, Mitglied im rebellischen Innovationsausschuss) ausgesprochen verschnupft. Für ihn führt „der Weg des Boykotts einer einzelnen Leistung – noch dazu einer, die kein Patient wirklich begehrt, weil sie unangenehm ist – gegenüber unseren Patienten in die Irre und setzt ärztliche Grundwerte aufs Spiel“.

Bühmann sieht Irrweg und fürchtet Vertrauensverlust

Schließlich lebe man von der „Zufriedenheit und dem Vertrauen unserer Patienten“. Die Vertrauensbasis bestehe in der ärztlichen Souveränität, einen kranken Menschen verlässlich in all seiner physischen und psychischen Verletztheit und Verletzlichkeit tragen zu können. Dann zitiert Bühmann die Heidelberger Urologin und Psychotherapeutin Dr. Ulrike Hohenfellner: „Wenn wir das jetzt umkehren und feststellen, dass wir Ärzte bedürftig werden, nicht mehr für uns selbst einstehen und kämpfen können, die Hilfe unserer Patienten in Verständnis und Unterschriften suchen, riskieren wir eine komplementäre Arzt-Patienten-Beziehung und unsere Unabhängigkeit, die unumstößlich zur Heilung erforderlich ist.“

Bühmanns Fazit dürfte im Berufsverband auf wenig Freude stoßen: „Lassen wir diese Spielereien mit dem Vertrauen unserer Patienten, solange wir nicht alle gemeinsam den Entscheidern klarmachen wollen, was unsere Arbeit wirklich wert ist, und arbeiten weiter mit Verlust. Arzt zu sein ist eben mehr als zu zystoskopieren.“

Unmittelbar nach Beginn der Kampagne meldeten sich nach Aussage der DGU-Arbeitsgemeinschaft der Leitenden Krankenhausärzte viele Patienten zur Zystoskopie im Krankenhaus, weil diese Leistung in der Praxis nicht mehr verfügbar gewesen sei.  Ob dies Wahrheit oder PR-Fiktion ist, kann derzeit nur schwer nachgeprüft werden. Plausibel erscheint aber zumindest die daraus abgeleitete Schlussfolgerung der Arbeitsgemeinschaft: „Eine Verlagerung der Zystoskopien aus den urologischen Praxen in die urologischen Kliniken ist nicht möglich“, stellte Prof.  Björn Volkmer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft, klar.  Die in den Kliniken vorhandenen technischen und personellen Ressourcen seien auf die stationäre Versorgung ausgerichtet und könnten nicht beliebig erweitert werden.

Schließlich sprang auch noch DGU-Generalsekretär Prof. Maurice Stephan Michel bei und forderte, den „durch neue Richtlinien entstandenen Mehraufwand der Aufbereitung der Instrumente entsprechend adäquat zu vergüten“. Betriebswirtschaftlich bedingte Schließungen von urologischen Praxen oder eine Diagnose- oder Nachsorgeverzögerung bei urologischen Krankheitsbildern seien angesichts der prognostizierten Steigerung des Versorgungsbedarfs in der Urologie  nicht verantwortbar. Die DGU müht sich spürbar um mehr Nestwärme zwischen den urologischen Verbänden.

(Beitragsbild: sudok1 – stock.adobe.com)

Franz-Günter Runkel

Chefreporter UroForum

3 Kommentare

  1. Das ist schade und trübt natürlich den Erfolg der Kampagne. Interessant wäre, ob die KVWL eine Ausnahme ist oder ob die Zystoskopie auch in anderen KV-Bereichen zum Regelleistungsvolumen gehört. Ich starte an der Stelle einfach mal eine Aufruf, darüber im UroForum zu informieren und zu diskutieren. Natürlich hängt die Bewertung der Zystoskopie-Aufwertung auch von dieser Frage ab.

  2. Derartige Kampagnen wie der Zystoskopie-Boykott schaden uns Urologen doch so sehr in unserem eigenen Selbstbild und in unserem ärztlichen Ansehen bei den Patienten. Während es ja eigentlich darum geht, die völlig irrational-ausufernden, unsachlich-schikanierenden und auch nicht mehr finanzierbaren Hygiene-Auflagen für uns Niedergelassene anzuprangern und wieder loszuwerden, hat man all das nun unverändert weiterbestehen lassen und zwar für ein bisschen Schmiergeld von ein paar wenigen Punkten mehr. Das löst aber nicht das Problem.

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